Indien ein Land der Vergewaltiger? Warum die derzeitige Berichterstattung über Indien mehr über uns aussagt als über das Geschehen am Subkontinent

Böses, böses Indien

 

Mit den Berichten über Vergewaltigungen ist die Berichterstattung in den Medien über Indien fast ausschließlich ins Negative abgerutscht. Das sagt in gewisser Weise aber weitaus mehr über uns aus als über Indien.

 

Dr. Cornelia Hegele-Raih war 11 Jahre lang Redakteurin des Harvard Business Manager. Sie ist Beraterin und Dozentin für Unternehmenskommunikation. Zusammen mit der Asien-Expertin Hanne Seelmann-Holzmann schrieb sie einen Artikel über erfolgreiche asiatische Topmanagerinnen und Geschäftsfrauen.

 

Im März/April 2014 durfte ich eine Gruppe von Studenten durch Indien begleiten,  unter der Führung von Prof. Arun Gairola, einem gebürtigen Inder, der International Management an der Fachhochschule Schweinfurt/Würzburg lehrt und zuvor lange in Deutschland gelebt hat (er war im Topmanagementpositionen in den Elektronikkonzernen ABB und Alstom tätig) sowie seiner Frau, die in Indien ein eigenes Unternehmen gegründet hat. Es gab Treffen mit hochrangigen Politikern, Unternehmenschefs, der Besuch eines Dorfes, einer Schule, dem Chef der Polizei von Delhi, Vorträge einer Unternehmerin, eines indischen Philosophen, den Besuch einer Universität sowie von Kulturveranstaltungen sowie Sehenswürdigkeiten (natürlich war auch der Taj Mahal dabei). Ein fliegendes Klassenzimmer sozusagen. Studenten das Fach “Interkulturelles Management” nicht abstrakt zu unterrichten, sondern direkt vor Ort ist ein spannender, neuartiger Ansatz. Aber Fragen danach, welche Erfahrungen wir wohl machen würden beziehungsweise gemacht hatten, stellte man mir vor und nach der Reise nur selten. Stattdessen sah ich in so manches skeptische Gesicht. „Wie kann man in diesen Zeiten (oder überhaupt) nach Indien reisen?“. Manchmal kamen eher „lustige“ Bemerkungen wie „ich hoffe Du hattest ein Pfefferspray eingepackt.“ Auch die Studentinnen fühlten sich vor der Reise unsicher und äußerten Unbehagen und Ängste. Das Thema Vergewaltigungen wurde in dem Forum, das unsere Reisegruppe in Facebook eingerichtet hatte, heiß diskutiert. Eine Studentin meinte, dass ihr das die Vorfreude auf die Reise doch ziemlich verderben würde, ein Selbstverteidigungskurs wurde organisiert.

Indien hat schon immer polarisiert. Wilfried Westphal hat dieses zwiespältige Bild in seinem hochinteressanten Buch „Shivas Töchter. Geschichte der Frau in Indien“ (2006) auf den Punkt gebracht. Auf der einen Seite das negative Bild: „Grausame Morde an Frauen um der Mitgift willen, Vergewaltigungen für die Familienehre – solche Meldungen gehören zu den wenigen Nachrichten über Frauen in Indien, die europäische Leser erreichen.“ Auf der anderen Seite steht für ihn das extrem positiv überhöhte Bild von Schönheiten aus den Bollywoodfilmen, Haremsdamen oder nackter Tempelgöttinnen. Indien war schon immer das Sehnsuchtsland vieler Menschen – das Indien von Hermann Hesse, der unermesslich reichen Maharadschas, der wilden Tiger, der Hippies und der (romantisiert gesehenen) Kolonialzeit (ein zutreffendes Bild der Geschichte Indiens und anderer Kolonien vermittelt dagegen das großartige Buch „Aus den Ruinen des Empire“ von Pankaj Mishra). Die Zwiespältigkeit unseres Indienbildes ist nach Westphal vor allem Ausdruck der Tatsache, dass wir so wenig über das Land wissen. Bisher war die Frage, welchem Bild man eher zuneigt, eine Frage des individuellen Geschmacks und vor allem der Kenntnis des Landes. Jemand, der schon einmal in Indien war, sich intensiv mit seiner Kultur beschäftigt und die großzügige Gastfreundschaft sowie andere Eindrücke gesammelt hat, hat in aller Regel ein anderes, positiveres oder jedenfalls differenzierteres Bild als Menschen, die Indien nur aus der Ferne kennen.

Dass Menschen aufgrund der derzeitigen Berichterstattung Indien kennen lernen wollen, wird momentan leider immer unwahrscheinlicher (nach Auskunft der Reiseveranstalter sind die Buchungszahlen aufgrund der Berichte über die Vergewaltigungen tatsächlich bereist dramatisch zurück gegangen – um circa 25 Prozent).

Denn die beschränkt sich derzeit fast ausschließlich auf Negatives: Themen wie Abtreibung weiblicher Föten, die entsetzliche Benachteiligung indischer Frauen in ländlichen Gebieten, Mitgiftmorde oder der Prostituierten in den Städten. Indiens Kultur und Indiens Männerwelt, so die implizite Botschaft, sind ganz einfach monströs. Verstörend. Nicht zu verstehen, inhuman. Frauen sind nichts wert in Indien. Jenseits dessen gilt fast immer: Ende der Berichterstattung.

Doch inwiefern ist das fast ausschließlich negative Bild, welches derzeit von den Medien über Indien, die Frauen dort gezeichnet wird wirklich zutreffend? Meiner Meinung nach kann man die These aufstellen, dass die Berichterstattung sehr häufig auf verschiededenen Fehlinformationen und Mißverständnissen beruht (oder auch auf Unwissenheit) und somit sehr einseitig ist.

Nur mit Statistik lässt sich eine „Vergewaltigungskultur“ nicht belegen“

So auch oder gerade in diesem Fall der Berichte über Vergewaltigungen in Indien. Wenn eine Zahl genannt wird, dann meistens die überaus dramatische, dass alle 20 Minuten eine Frau in Indien vergewaltigt würde (manchmal liest man auch fälschlicherweise: 20 Sekunden, was dafür spricht, dass oft einfach nur falsch abgeschrieben wird – das National Crime Bureau von Indien spricht übrigens von allen 22 Minuten). Diese Zahl wird fast immer genannt, ohne die Bevölkerungszahl dazu ins Verhältnis zu setzen, was im Fall von Indien völlig in die Irre führt (da in Indien eben so viele Menschen wohnen).

Um einen Vergleich zu geben: In Deutschland, wurden laut amtlicher Kriminalstatistik im Jahr 2012 8031 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung zur Anzeige gebracht (2011: 7.539). Damit liegt Deutschlands in Europa mit einer Quote von knapp unter 10 gemeldeten Fällen pro 100.000 Einwohner im unteren Mittelfeld der europäischen Vergewaltigungsstatistik. Die Einwohnerzahl Indiens beträgt vermutlich (genaueres wird man erst wissen, wenn eines Tages jeder Inder eine Identifikationsnummer erhalten hat – an dem Projekt wird derzeit gearbeitet) mehr als 1,2 Milliarden Menschen. Wenn es in Indien ebenso viele gemeldete Vergewaltigungen geben würde wie in Deutschland – bezogen auf die Einwohnerzahl, müssten es dort also rund 120.000 angezeigte Vergewaltigungen sein und nicht 26.000. (Schweden hat übrigens ungefähr viermal so viele angezeigte Fälle wie Deutschland, auf merkwürdige Phänomene wie dieses und die Rolle von Dunkelziffern komme ich noch).

Das Beispiel von Delhi, das von vielen Medien weltweit als Vergewaltigungshochburg bezeichnet wird, macht die Dimensionen besonders deutlich. Rein von den Zahlen her lässt sich These von der Vergewaltigungshochburg nicht belegen. Im Jahr 2012 waren es 585 angezeigte Fälle. Nun muss man aber wissen, dass in der Mega-Metropolregion Delhi circa 22 Millionen Menschen wohnen (2011), also etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung[i]. Bis Delhi im Verhältnis zu den Vergewaltigungszahlen von Deutschland dessen Niveau erreicht hätte, müsste die Zahl der gemeldeten Fälle also auf ungefähr 2200 wachsen! Leider muss man für Delhi tatsächlich eine deutliche Zunahme feststellen. Die Zahl der gemeldeten Vergewaltigungen in Delhi wird voraussichtlich 2013 auf rund 800 ansteigen (immer noch deutlich unter der Hälfte der vergleichbaren Zahlen für Deutschland). Das liegt sehr wahrscheinlich vor allem an drei Gründen: dass sich endlich mehr Frauen trauen Vergewaltigungen anzuzeigen, dass die Polizei eher bereit ist Vergewaltigungen ernst zu nehmen und drittens, dass monatlich tausende von Menschen neu nach Delhi strömen (wie in alle Städte Indiens). Aus Untersuchungen in Amerika weiß man, dass intensive mediale Berichterstattung durchaus zu weiteren Gewalttaten animiert. Auch das kann eine Rolle spielen.

So erschreckend die Statistik in Abbildung 1 also zunächst wirkt – sie verliert einiges an Brisanz, wenn man die Einwohnerzahlen von Deutschland und Indien dazu ins Verhältnis setzt.

Abb 1. Quelle: Theintelligence: Die Kurve mit den Zahlen von Vergewaltigungen weist steil nach oben. Da die Zahl der Vergewaltigungen pro Einwohner rein statistisch betrachtet um ein vielfaches geringer ist als in anderen Staaten kann man annehmen, dass die Steigung vor allem daran zurück zu führen ist, dass sich mehr Inderinnen trauen, Vergewaltigungen anzuzeigen – eigentlich auch eine gute Nachricht!

Tatsächlich ist es also so, dass die vorhandenen Statistiken ganz und gar nicht die zentrale Botschaft untermauern, dass Indien ein „Land der Vergewaltiger“ sein soll, ganz im Gegenteil: “Per-capita reported incidents of rape are quite low compared to other countries, even developed countries” berichtet Wikipedia.

Natürlich muss man sich diesem Zusammenhang dem höchst sensiblen Thema Dunkelziffern widmen. Leider ist das Thema komplex und schwierig, und wird meistens nur verkürzt in den Medien dargestellt. In Bezug auf die Vergewaltigungen in Indien findet sich in den Artikeln dazu denn auch wenig Erhellendes. Es wird meist nur darauf hingewiesen, dass diese Zahlen natürlich nur die Spitze des Eisbergs sein könnten, da in Indien Gewalt gegen Frauen schließlich Alltag sei. Die Berichte in den Medien über grausame Einzeltaten (wobei sich übrigens im Westen jede Menge ähnliche finden lassen) tun ihr übriges.

Dunkelziffern bei Vergewaltigungen einigermaßen zutreffend zu beurteilen ist eigentlich nahezu unmöglich. Generell wird davon ausgegangen, dass sie hoch sind – nicht nur in Indien. Laut einer Schätzung für Österreich etwa wird nur jede zehnte Tat zur Anzeige gebracht. Und von diesen angezeigten Vergewaltigungen würden wiederum nur 13 Prozent gerichtlich verurteilt. Vor zehn Jahren seien es noch 20 Prozent gewesen – die Wahrscheinlichkeit, mit einer Anzeige einen Schuldspruch zu erreichen, ist in letzter Zeit also noch gesunken! Als Grund für die Verschlechterung der Situation bezüglich der Aufklärung wird angeführt, dass mittlerweile innerhalb von 72 Stunden ein eindeutiger DNA-Beweis erbracht werden muss (den es vorher noch nicht gab). Da ein solcher Test aber auch nichts zuverlässig aussagt über eine mögliche Vergewaltigung, müssen nach wie vor eindeutige Kratzspuren oder Verletzungen vorliegen um „beweisen“ zu können, dass sich ein Opfer auch richtig „gewehrt“ hat nach dem archaischen Motto: wenn sich die Frau nicht gewehrt hat wollte sie es letztlich so . Ob psychischer Zwang nachgewiesen werden kann, ist immer noch umstritten. Sind physische „Beweise nicht vorhanden, hängt daher nach wie vor alles von der „Glaubwürdigkeit“ des Opfers ab, was in der Regel bedeutet, dass dieses eine widerspruchfreie Aussage tätigen muss – im Fall Kachelmann ging die Auseinandersetzung bekanntlich unter anderen darum, ob diese Anforderung nicht zu hoch ist, weil sich die Opfer aufgrund des hohen Drucks bei den Verhören und der eigenen seelischen Verstörungen häufig widersprechen würden.

Es gibt natürlich durchaus viele Gründe anzunehmen, dass die Vergewaltigungszahlen in Indien weitaus höher sind, als es die angeführten Statistiken nahelegen (schon allein aus dem Grund, weil sie bisher eben auffällig niedrig sind gegenüber denen anderer Länder). Andererseits entbehrt es nicht einer gewissen Scheinheiligkeit, wenn man ohne weiteres davon ausgeht, dass die Dunkelziffer in Indien dramatisch höher sein soll als in anderen Ländern.

Ich habe mit der Analyse der Statistiken begonnen, wohl wissend, dass dies der schwächste Teil der Argumentation sein dürfte- denn Zahlen formen unsere Meinungen und Überzeugungen in aller Regel am allerwenigsten. Menschen gehen im Allgemeinen sehr selektiv mit Zahlen um – sofern sie sie überhaupt zur Kenntnis nehmen. Professor Gerd Gigerenzer hat zur Genüge belegt, wie sich selbst gebildete Menschen systematisch und ständig von die Tücken der Statistik fehlleiten lassen (seine gute lesbaren Bücher sollten eigentlich zur Allgemeinbildung gehören, aber das nur nebenbei). Weil Appelle an Emotionen so gut funktionieren, werden wir von den Medien entsprechend auch häufig nicht mit Fakten versorgt, sondern man appelliert an unsere Instinkte, etwa durch dramatische Geschichten. Die Zeitungen wissen, dass die Leser zwar nach außen behaupten, dass sie solche Geschichten ganz gruselig finden, sie aber dennoch viel spannender finden als positive Nachrichten- oder gar globale Statistiken, die aus wissenschaftlicher Sicht höchst unbefriedigend und ein Spielball der Meinungen sind. Vergleiche sind schwer oder unmöglich, eben weil es so gut wie keine gesicherte Forschung dazu gibt, und die Zahlen außerdem aus verschiedenen kulturellen/sozialen und rechtlichen Gründen kaum vergleichbar sind. So wird es zum Beispiel in Indien ebenfalls als Vergewaltigung behandelt, wenn Paare Jahre zusammenleben und am Ende der Mann die Frau nicht heiratet, da die Frau den Mann dann wegen Vergewaltigung anzeigen darf. In anderen Ländern wiederum gibt es andere Besonderheiten.

Angesichts der beschriebenen Datenlage lassen sich einseitig-negative Urteile über Indien aber jedenfalls keinesfalls begründen. Die Rheinpfalz titelte einen Artikel neulich über Indien mit „Land der Vergewaltiger“. Rein formal war das in Ordnung, denn der Journalist oder die Journalistin zitierte “nur” eine indische Frauenrechtlerin. Man stelle sich dennoch einmal vor, eine indische Zeitung würde einen Artikel veröffentlichen, dessen Titel das Zitat: „Deutschland, ein Land der Vergewaltiger“ wäre – ohne dies mit belastbaren Zahlen zu untermauern. Was Geschichten betrifft, gibt es wiederum eine ganz klare Einseitigkeit (zumindest momentan) indem in den Leitmedien fast nur negative Geschichten erzählt werden (eine Ausnahme sind die Emma oder Frauenzeitschriften in denen hin und wieder bemerkenswerte Frauen vorgestellt werden, etwa von sozialen Organisationen oder Politikerinnen. Gerne berichtet wird in westlichen Medien auch über die sogenannte Gulaab-Gang, eine Gruppe von Frauen, die Männer verprügelt, die es “verdient” haben – vor allem natürlich deshalb, weil es eine gute Geschichte ist, in Indien allerdings floppte der Film).

Positive Geschichten über Indiens Frauen dringen nicht durch

Die negativen Fakten zu Indien sind – oder scheinen – (anders als die positiven) weitgehend bekannt. Etwa die bestürzende Zahl, dass Indien gemäß des Gender Gap Index 2011 das vom World Economic forum (WEF), veröffentlicht wird, Indien auf Rang 113 von 135 Ländern steht. Einen hervorragenden Überblick über die Lage der Frauen einschließlich aktueller Zahlen bietet die Seite „sexism in India“ bei Wikipedia). Auch die Geschichten über die üblen Vergewaltigungen sind allseits bekannt und müssen daher hier nicht wiederholt werden. Sie stehen für sich. Sie sind furchtbar, traumatisierend für jeden, der noch nicht das gelernt hat, was wir alle in unserer modernen Welt gelernt haben müssen: Verdrängen, Abstumpfen. Geschichten kann man nicht angreifen – sofern sie „stimmen“ (oder so wirken, als ob sie stimmen) – das macht sie unendlich mächtig. Only Bad news are good news. Von den „guten“ Geschichten erfahren wir dagegen so gut wie nichts mehr.

So wird zum Beispiel selbst in Wirtschaftsfachblättern kaum darüber geschrieben, dass es in Indien zwar weniger Frauen in Toppositionen gibt, als in anderen Ländern Asiens, wo Frauen generell einen sehr hohen Anteil am Geschäftsleben haben (bis zu 50 % der Toppositionen in den Philippinen etwa) – aber immerhin merklih mehr als etwa in Deutschland.

Arundhati Bhattacharya hat jüngst die Leistung von Indiens größter Bank, der State Bank of Indie (SBI) übernommen, und reiht sich damit ein in eine Reihe von Frauen, die in Indiens Banken Toppositionen übernommen haben (Chanda Kochhar, MD and CEO of ICICI Bank; Shikha Sharma, MD and CEO, Axis Bank; Naina Lal Kidwai, country head, HSBC; Kaku Nakhate, president and country head (India), Bank of America Merrill Lynch, Vijayalakshmi Iyer, CMD, Bank of India; Archana Bhargava, CMD, United Bank of India and Shubhalakshmi Panse, CMD of Allahabad Bank. Damit hat Indien in Sachen Diversity im Finanzbereich die Nase deutlich vor den USA.

Eine Frau aus der Kaste der Unberührbaren (Dalits), Myawati Kumari, konnte 1995 Präsidentin des bevölkerungsreichsten Bundesstaates Indiens Uttar Pradesh werden (welcher übrigens nebenbei gesagt mehr Einwohner aufweist als Brasilien). Auch wenn sie leider später Paranoia und übertriebenes Machtbewusstsein an den Tag legte und so die Gunst der Bevölkerung verspielte und wie auch Indira Gandhi und andere Regierungschefinnen von Bangladesh bis Pakistan letztlich leider wenig bis nichts dafür getan hat, die Frauenrechte voranzubringen (das tun westliche Politikerinnen aber leider auch nicht immer), ist ihr Fall doch einer von gar nicht so wenigen hochrangigen Politikerinnen, die das Bewusstsein der Frauen in Indien in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben.

Der Journalist Martin Lehmann-Waldau berichtet über einen Gesetzentwurf – die „Womens Reservation Bill“, die 33 % der Sitze im Parlament für Frauen vorsieht. Bereits vorher wurde beschlossen, 50% der Sitze auf panchayat level (Ebene der lokalen Selbstverwaltung) mit Frauen zu besetzen. Zum Vergleich: das gegenwärtige deutsche Parlament hat einen Frauenanteil von 32,1 % (1980 lag dieser auch erst bei 9 Prozent). In Deutschland gibt es eine Quote bisher nur auf Parteienebene (bei den Grünen und der SPD).

2007 war ich in Bangalore, um erfolgreiche Managerinnen zu interviewen * (ich habe in einem Artikel gemeinsam mit der Asien-Experten Hanne Seelmann-Holzmann die Situation von Frauen in verschiedenen asiatischen Ländern beleuchtet).

Zwei befreundete Frauen haben als Ausländerinnen in Toppositionen in Indien gearbeitet – beide die meiste Zeit alleinstehend und mit jeweils einem kleinen Kind. Aus ihrer Sicht ist es in Indien als Frau mit Kind in gewisser Weise viel einfacher, eine anspruchsvolle Topposition und Kinder unter einen Hut zu bekommen. Einfach gesagt mag dies daran liegen, dass Ausländerinnen bzw. gutsituiertere indische Frauen auf Bedienstete zugreifen können, die sehr wenig verdienen. Auch wenn es Deutschland auch etliche Familien geben soll, die schlechtbezahlte (ausländische) Haushaltshilfen beschäftigen nehmen wir für uns dagegen in Anspruch, dass wir niemand ausbeuten wollen. Und man muss schon sehr viel verdienen oder aus einer reichen Familie kommen, um sich hierzulande eine offizielle Haushaltshilfe leisten zu können. Daher putzt die hochqualifizierte Frau bei uns lieber selbst und bleibt mit Elterngeld zu Hause statt zu arbeiten, weil ihr die Opportunitätskosten zu hoch scheinen, oder auch, weil sie in den Chefetagen deutscher Firmen bekanntlich ohnehin nach wie vor sehr schlechte Chancen hat. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es jedenfalls fatal, wie wenig das Potenzial der vielen gut ausgebildeten Frauen in Deutschland genutzt wird – im Vergleich zu Indien, wo studierte Frauen fast immer auch berufstätig sind und einflussreiche Positionen einnehmen.

Dabei kann man das positive Klima für Frauen in Toppositionen in Indien nicht auf das Thema Bedienstete reduzieren. Bei Geschäftsessen werden Kinder gerne mit einbezogen – und ganz generell wird zwischen Familie und Geschäft nicht so genau getrennt, vielmehr ist es sogar extrem wichtig, dass man sich in Indien zunächst auf persönlicher Ebene näherkommt. Die (fast immer: Ganztags-)Schulen in Indiens Städten sind sehr gut. Zumindest in den Städten haben Schüler einen sehr guten Bildungsstand und teilweise hochinnovative pädagogische Konzepte. Indien hat auch hervorragende weiterführend Schulen und Universitäten. Einige davon haben wir mit den Studenten besucht.

In Bangalore traf ich Hema Hattangady, sie ist CEO von Conzerv, einer Firma deren Kernkompetenz intelligente Stromzählertechnik und Netze sind. Ihr Mann ist Technikleiter und somit ihr Untergebener. Hema wurde nicht nur als Management Role Model von der Harvard University ausgezeichnet, die beiden sind auch ein reizendes Paar mit zwei Söhnen. Hema tritt – wie es in Indien für viele (wenn auch längst nicht mehr alle) Unternehmenslenker noch üblich ist – selbstbewusst aber bescheiden auf, die Familie wohnt in einer Etagenwohnung in Bangalore. Sie ist Teil einer Initiative von mehreren führenden Unternehmen, die sich freiwillig dazu verpflichtet haben, ohne Korruption und Bestechung zu arbeiten (was in Indien sehr schwer, aber offensichtlich doch möglich ist).

Oder nehmen Sie die Geschichte von zwei Frauen, die als Studentinnen eine der erfolgreichsten sozialen Organisationen Indiens gründeten (http://www.harvardbusinessmanager.de/heft/d-62546228.html (www.thebanyan.org). TheBanyan holt Frauen, die oft fernab von ihrer Heimat mit psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie und Depression in den Straßen der Großstadt landen, lässt sie therapeutisch optimal betreuen und gibt ihnen Arbeit. Die Organisation hat in Indien eine Vielzahl von prominenten Unterstützern gefunden und widmet der Erforschung und Behandlung von seelischen Erkrankungen bedeutende Ressourcen. Es existieren viele solcher ganz erstaunlichen sozialen Organisationen in Indien – Unternehmen wäre der bessere Ausdruck (Social Entrepreneure), denn sie sind so professionell gemanagt wie Unternehmen. Und häufig sind sie eben von Frauen geführt. Von den Innovationen indischer Firmen, die breite Bevölkerungspreisen zu einem Bruchteil hiesiger Preise mit Gesundheitsdienstleistungen und anderen Produkten versorgen hat der indischstämmige US Managementprofessor C.K. Prahalad wiederholt in der Harvard Business Review berichtet.

Von solchen Geschichten über Indien ist allerdings nur selten zu lesen. Woran es auch immer liegen mag: die Kraft der negativen Geschichten in den Medien scheinen weitaus stärker zu sein. Ich sage nicht, dass es die negativen Seiten nicht gibt.

Das ändert allerdings nicht an der traurigen Tatsache, dass unser Bild von Indien, so wie es heute in den Medien gezeigt wird, höchst einseitig ist, und dass man von all diesen positiven Geschichten so gut wie nichts hört.
Dass wir Indien nur negativ wahrnehmen hat auch etwas mit unserer westlichen Sich auf die Dinge zu tun – entweder schwarz oder weiß

In Indien, so sagt man – sind die Dinge immer so – und gleichzeitig auch ganz anders – es ist ein Land der krassen Gegensätze, ein Land in dem man jedes Vorurteil bestätigt finden kann – aber auch das genaue Gegenteil davon. So hat sich der Supreme Court gerade erst wieder geweigert, ein Gesetz zu überprüfen, das schwulen Sex mit der Todesstrafe bedroht[ii] (wie die meisten Gesetze in Indien wird allerdings auch dieses allenfalls sehr lax umgesetzt), andererseits haben die Tamil Nadu Home Guards gerade 6 Transsexuelle eingestellt.

Die Frauenbewegung in Indien ist kein so neues Phänomen wie viele denken mögen (ein interessantes Interview dazu mit Radha Kumar finden Sie hier) – und das Land war eines der ersten, das eine offizielle Frauenquote eingeführt hat. Vom Gesetz bis zur Umsetzung ist die Realität ist es in Indien freilich noch ein langer Weg (bei uns allerdings auch). Aber immerhin gibt es in Indien schon einige Aktivistengruppen von Männern die meinen, dass die bestehenden Gesetze und Quotenregelung sie erheblich benachteiligen würden. Auch schon kein schlechtes Zeichen. Haben Sie von all dem schon einmal gelesen? Vermutlich nicht. Denn derartige Widersprüche sind etwas, mit dem wir im Westen nicht besonders gut umgehen können. Wir wollen ein eindeutiges Urteil haben, anderslautende Fakten blenden wir gerne aus. Nuancen können wir – so scheint es – schlecht wahrnehmen und oft sind die Geschichten auch zu komplex (und in Indien ist alles hyperkomplex), um sie wirklich sachgerecht darzustellen. So hat zum Beispiel „der Freitag“ als einzige Zeitung einen wirklich differenzierten Bericht (vom Guardian übernommen) über die Gruppenvergewaltigung in einem bengalischen Dorf gedruckt. Eine junge Frau wurde dort mehrfach vergewaltigt von den Männern des Dorfes, angeordnet beziehungsweise mit offizieller Erlaubnis des Dorfrats als Bestrafung für eine Affäre. Der Bericht zeigt unter anderem, dass über der Fall auch deshalb so prominent berichtet wurde, weil es manchen einflussreichen Leute offenbar sehr gut zupass kam, den Minderheiten-Volksstamm, zu dem das Dorf gehört, als rückständig zu brandmarken mit dem Ziel, ihnen ihr Land leichter wegnehmen zu können.

Der schwarz-weiß-Blick führt nicht selten dazu, dass auch in Bezug auf andere Fakten (die nicht direkt mit den Vergewaltigungen oder Benachteiligung von Frauen zusammenhängen, aber dazu benutzt werden, eine Geschichte „komplett“ zu machen) manchmal die Relationen verloren gehen. So führte der Guardian in einem Bericht, in dem er im Zusammenhang mit den Vergewaltigungen die Situation der Frau beklagt vorwurfsvoll an, dass Indien viel Geld in seine Nuklearforschungsprogramm und Rüstung stecken würde, Geld, mit dem es sicherlich auch große soziale Not lindern und mehr für Frauen tun könnte. Dies ist freilich vollkommen richtig. Jeder Dollar, der in Militärinvestitionen gesteckt wird statt in die Weiterentwicklung und Bildung von Menschen ist im Grunde mehr als verschwendet, es ist eine Tragödie. Und doch nehmen wir im Westen die Relationen ganz offensichtlich in einem ziemlich verzerrten Licht wahr. So wendet Indien über 20 Milliarden Dollar für Militärausgaben auf. Das klingt in der Tat nach sehr viel Geld. Die USA verfügen allerdings trotz radikaler Schrumpfkur immer noch über ein jährliches Budget von 637,8 Milliarden Dollar (bei nur einem Viertel der Einwohner). Indien befindet sich in einer politisch schwierigen Situation, die von Auseinandersetzungen mit Pakistan und China und inländischem Terrorismus geprägt ist. Wenn man bedenkt, dass auch in den Städten Amerikas die Elendsviertel wachsen und viele Menschen, die einmal zum Mittelstand gehörten – gerade auch Frauen und Kinder – in die Armut abgerutscht sind (45 % aller Haushalte haben am Ende eines Monats keinen Dollar mehr übrig zum Sparen), sind 637 Milliarden im Vergleich zu 20 Milliarden sicher noch weitaus obszöner.

Ein anderes Thema, das in diesem Zusammenhang oft recht undifferenziert dargestellt wird, ist das Kastenwesen. Da dies eigentlich einen eigenen Artikel erfordern würde, möchte ich das Thema nicht näher behandeln, aber doch zwei Aspekte erwähnen. Zum einen, dass die Kritik am Kastenwesen auch für Indien keineswegs neu ist und großteils aus Indien selbst kam, lange bevor der Westen das Thema „entdeckte“. Das Kastenwesen wurde bereits von traditionsreichen Religionsgruppen Indiens wie den Sikhs abgelehnt (der Sikhismus wurde im 15. Jh nach Christus gegründet. Nach Auffassung der Sikhs gibt es keine Hindus oder Moslems, sondern nur „Lernende“ = Sikh. Alle Menschen sind nach diese Auffassung gleich – auch die Frauen). Auch Mahathma Gandhi lehnte bekanntlich das Kastenwesen vehement ab – Es gibt seit längerem Quoten im öffentlichen Dienst für Kastenangehörige und das Thema wird auch in Indien selbst sehr intensiv diskutiert. Eine etwas differenziertere Sichtweise würde zum Beispiel auch erklären, warum sich das Kastenwesen überhaupt so lange hält, obwohl es in unseren Augen doch so furchtbar und unsinnig und schrecklich menschenverachtend ist. Dazu muss man wissen, dass das Kastenwesen nicht nur einen langen und sehr komplexen geschichtlichen Entstehungshintergrund hat, sondern auch nicht einfach nur negativ betrachtet werden kann, da es über viele Jahrhunderte wichtige soziale Funktionen erfüllte und teilweise immer noch erfüllt. Unter dem Eintrag Kasten findet bei Wikipedia neben einer Reihe von Nachteilen des Kastenwesen folgende Aussage: „In Indien sind heute alle durch das Kastenwesen bedingten Benachteiligungen gesetzlich verboten. Trotzdem ist das Kastenwesen aus dem praktischen Leben nicht völlig verschwunden, besonders, da es noch heute wichtige soziale Aufgaben erfüllt. Die Jatis (die eigentlich sozial bedeutsamen „Unterkasten Anm. CHR) etwa haben in gewisser Weise auch die Funauchktion eines Sozialversicherungssystems, das in der kulturellen und sozialen Tradition verankert ist. So bieten sie etwa in den Millionenstädten für Arbeitsuchende aus anderen Gegenden des Landes oft die einzige Zuflucht,- die einzige Möglichkeit, Aufnahme, Nahrung und Hilfe zu finden, oder garantieren ein Überleben der Familie bei Arbeitslosigkeit und Krankheit.“ Manchmal hat man den Eindruck, dass angesichts der Meldungen über Vergewaltigungen noch hie und da ein wenig über das Kastenwesen oder andere Vorurteile in Hinblick auf Indien geschrieben wurde – aber nicht sehr viel wirklich Tiefgehendes.

Unser Bild von Indien hat vor allem mit unserer eigenen Kultur zu tun

Die Seite www.theintelligence.de hat sich etliche negative, sehr emotionale Kommentare eingefangen mit dem Versuch, die oben beschriebenen Verzerrungen in der Wahrnehmung bezüglich der statistischen Daten hinzuweisen. Der Blogbeitrag mit der Überschrift „In Deutschland werden mehr Frauen vergewaltigt als in Indien“ wurde von manchen geradezu als Affront empfunden. Ich möchte versuchen zu erklären, woran dies möglicherweise liegen könnte.

Steven Pinker hat in seinem epochalen Werk über die Geschichte der Gewalt (2011, Fischer Verlag) detailliert nachgewiesen, dass die Zahlen von Vergewaltigungen und Morden in den USA von 1973 bis 2008 generell dramatisch zurück gegangen sind (s. 597). Und dies gilt nicht nur für die USA sondern für die allermeisten Länder (der westlichen Welt) Er schreibt: „Wenn die Umfragedaten einen echten Trend wiedergeben, bedeuten die sinkenden Vergewaltigungszahlen einen weiteren, wichtigen Rückgang der augenfälligsten Formen von Gewalt. Dennoch sind sie praktisch unbemerkt geblieben. Statt ihren Erfolg zu feiern, vermitteln die Organisationen zur Bekämpfung von Vergewaltigungen den Eindruck, Frauen seien heute stärker gefährdet als je zuvor…und obwohl der über 30 Jahre andauernde Rückgang der der Vergewaltigungen eine andere Erklärung erfordert als der Rückgang der Morde im Lauf von sieben Jahren, haben Politiker und Kriminologen die Frage nicht aufgegriffen.“

Die Welt ist tatsächlich im Lauf der Zeit weniger gewalttätig geworden – auch wenn die Medien ein anderes Bild vermitteln und es somit unserer gefühlten Unsicherheitslage kaum glauben mag. Das ist eine gute (und wenig bekannte) Nachricht. Viele dieser Errungenschaften sind allerdings noch ziemlich jung. Stephen Pinker erwähnt zum Beispiel, dass das Schlagen von Ehefrauen auch in Europa über Jahrhunderte hinweg als normaler Bestandteil der Ehe galt. Noch 1972 hielten die Befragten in einer US-amerikanischen Umfrage den Verkauf von LSD für ein schlimmeres Verbrechen als „die gewaltsame Vergewaltigung einer Fremden im Park“ (ebenda: 605). Und die Scheidungsrechte wurden auch erst in den 1970er Jahren in einer Weise geändert, dass Frauen nicht mehr als Eigentum betrachtet werden (die Regelungen zum Trennungsjahr in Deutschland sind übrigens heute noch von einem unglaublichen patriarchalen Gedankengut getragen – so ist es etwa in dieser Zeit verboten, dem Mann die Wäsche zu waschen – womit praktisch angenommen wird, dass „Frau“ das in der Ehe sonst immer zu übernehmen hat. Außerdem darf man ein Jahr lang Bett und Tisch nicht teilen. Das mit dem Bett mag ja noch angehen – obwohl ich nicht weiß, warum die Behörden das etwas angehen sollte. Aber warum soll man nicht nach der Trennung als Paar mit der Familie weiterhin zusammen essen, falls man sich nach wie vor gut versteht? Wie traumatisch für die Kinder. Mit einem Wort: wie dumm!) Vorwurfsvoll wurde im Zusammenhang mit den Vergewaltigungen in Indien immer mal wieder die Tatsache angeführt, dass Vergewaltigung in der Ehe dort nach wie vor nicht strafbar sind. Gerne „vergessen“ wird dabei, dass dies in Deutschland formal auch erst seit 1997 der Fall ist, und sich das Gesetz – auch wenn es aus symbolischen Gründen außerordentlich wichtig war – in der Praxis aus verschiedenen Gründen im Prinzip kaum wirklich umsetzen lässt.[3] Es wird darauf verwiesen, dass es in Indien eine menschenverachtende Prostitution für billiges Geld gibt. Doch die boomt gerade auch in Deutschland mit seinen Flatrate-Bordellen und Menschenhandel.

Die wahrgenommene „Rückständigkeit“ Indiens kommt zum Teil also sicher auch daher, dass wir in Bezug auf unsere eigene Vergangenheit ziemlich geschichtsvergessen beziehungsweise blind sind für die Mängel im eigenen Land (Tim Neshitov, Feuilletonist der Süddeutschen hat in einem Artikel vom 6. Mai 2014 „Die Verunsicherten“ wunderbar beschrieben, dass wir uns momentan gerne über die Schwulengesetze in Russland ereifern, dabei aber anscheinend vergessen haben, dass es auch bei uns noch nicht so lange her ist, dass Schwule strafrechtlich verfolgt und diskriminiert wurden).

Dass es nicht möglich ist, Indien an unseren eigenen Maßstäben zu messen angesichts der Dimensionen und der Geschichte dieses Landes, -darauf haben schon viele Kenner Indiens hingewiesen. Zumal die eigenen Maßstäbe ganz offenbar auch von einer sehr rosaroten Sicht von uns selbst getönt sind. Der indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar hat in einem Spiegel-Interview gesagt, dass die extrem negative Sicht des Westens auf Indien aus seiner Sicht daher rührt, dass wir damit unbewusst eigene dunkle Seiten aus unserem kollektiven Bewusstsein verdrängen. Durch die übertrieben negative Sicht anderer Kulturen ist es möglich, die eigene in einem besseren Licht zu betrachten.

Die Kleiderfrage -sinnvolle Anpassung oder Ideologie?

Die Schwarz-Weiß-Sicht auf Indien kommt auch sehr deutlich dadurch zum Ausdruck, dass wir eine Art Ideologie aus der Frage machen, ob das Thema Verhalten oder Kleidung in diesem Zusammenhang eine Rolle spielt bzw. spielen sollte. Die in Delhi lebende Reporterin Nicola Smith von The Sunday Times hat etwa auf die Frage, ob es für sie in Delhi unsicher oder gefährlich wäre, spontan geantwortet, dass es ihrer Meinung nach für sie genauso gefährlich oder ungefährlich ist, wie in London, New York, Paris oder Frankfurt – sofern man bestimmte Regeln und kulturelle Gegebenheiten versteht und beachtet. Dass Frau sich in Hinblick auf seine Kleidung oder in sonst einer Form an die Gepflogenheiten eines Landes anpassen sollte ist allerdings eine Aussage, die Feministinnen – zu denen ich mich übrigens selber auch zähle – leicht auf die Palme bringt, weil dieses Argument letztlich auf mehr oder weniger direktem Weg zu der Aussage führen könnte, dass Frauen mit „freizügiger Kleidung“ selbst „schuld“ haben könnten an ihrer Vergewaltigung (dass man das – zumindest nicht mehr offen – in Deutschland sagen darf, ist zwar auch eine positive, aber eben auch eine relativ neue Errungenschaft und in manchen Köpfen vermutlich auch immer noch nicht ganz angekommen).

Im Folgenden möchte ich am Beispiel der „Kleiderfrage“ aber auch noch etwas anderes erklären, nämlich warum das Thema Experten für westliche Journalisten in Bezug auf das Thema Indien seine besondere Schwierigkeit hat. Experten zu zitieren, ist für Journalisten die klassische Recherchemethode schlechthin. Zur Finanzkrise fragt man etwa einen sogenannten Börsen- oder Finanzexperten immer in der Annahme/Hoffnung, dass dieser die Ahnung schlechthin hat. Meist hat man als Journalist nicht viel Zeit, und fragt nur einen oder zwei Experten. In Bezug auf Indien ist das allerdings keine gute Lösung, denn aufgrund der Vielfalt des Landes ist es überhaupt kein Problem, für jede Art von Meinung einen Experten zu finden – oder jemanden, der es ganz anders sieht. Es ist also sehr gut möglich, dass Ihnen 20 oder mehr „Indien-Experten“ auch 20 verschiedene Meinungen sagen werden. Nur einen oder zwei zu zitieren muss also zwangsläufig ziemlich einseitig sein. Umgekehrt kann es aber gerade in Bezug auf Indien genauso fatal sein, wenn man als Journalist wirklich sehr ernsthaft nach Vielfalt von Expertenmeinungen strebt. Denn dies kann letztlich noch viel mehr zur Verwirrung beziehungsweise zur Verstärkung vorhandener Vorurteile beitragen wenn einem der kulturelle Hintergrund fehlt, um diese Widersprüche auch nur halbwegs zu verstehen (womit ich nicht behaupten möchte, dass ich sie selbst alle verstehe, ganz im Gegenteil).

Der folgende Artikel in der FAZ (http://www.faz.net/aktuell/reise/fern/als-frau-nach-indien-in-einem-verstoerten-land-12164539.html) zu der Frage, ob Reisen in Indien noch sicher sei für allein reisende Frauen, ist einer der wenigen, bei dem sich eine Autorin (Eva Berendsen) die Mühe gemacht hat, wirklich sehr umfassend zu recherchieren und ausgewogen zu argumentieren – eben indem sie eine ganze Reihe von Experten befragt hat. Alle Aussagen für sich scheinen logisch, insgesamt aber doch höchst widersprüchlich. Sie zitiert etwa das indische Fremdenverkehrsamt, welches angesichts der Vergewaltigung von Touristinnen von seltenen „Abweichungen“ spricht. Und die Reiseveranstalter, die (aus eigennützigen Gründen?) behaupten, dass Reisen nach Indien sicher seien, sofern man bei der Reisegruppe bleibt und sich an die Anweisungen und Kleidungsvorschriften hält. Eine sehr bekannte indische Feministin, die in Münster während ihres Studiums in Deutschland mit dem Feminismus in Berührung gekommen ist, legt dagegen Wert darauf, dass die Vergewaltigungen in Indien auf keinen Fall etwas damit zu tun hätten wie man angezogen sei („Nacktheit ist für Indien ganz natürlich“), wo man sich aufhalte oder ob man Ausländerin sei oder nicht („Frauen in Saris werden vergewaltigt, 3 Monate alte Babys werden vergewaltigt“) Ratschläge an Touristinnen, sich züchtiger zu bekleiden machen sie „wütend“, da auf diese Weise immer nur den Opfern die Schuld zugeschoben würde. Ein indischer Forscher, der über das Männerbild in Indien geforscht hat (sie betont, wie ungewöhnlich das Fach für einen indischen Wissenschaftler sei!) stellt kritisch fest, dass in Indien die Berichterstattung in den Medien über Vergewaltigungen sexistisch und patriarchalisch sei indem etwa gefragt würde, was denn bitte eine Frau nachts um 1 noch allein in einem Eiscafe zu suchen habe. Eine allein reisende dänische Touristin wurde von einer Gruppe Männern vergewaltigt, die sie spät abends angesprochen und nach dem Weg gefragt habe – wovon übrigens tatsächlich in jedem Reiseführer abgeraten wird. Die indischen Medien kommentierten dies sehr konsterniert und gaben der Frau indirekt eine Mitschuld. Dass entweder in den Medien ganz offen oder hinter vorgehaltener Hand den Frauen auch heute noch fast überall schnell eine Mitschuld gegeben wird kann man auch im Westen regelmäßig immer wieder erleben. [iii]

Im Gesamteindruck entsteht also durch die verschiedenen Experten obwohl jeder für sich „Recht“ zu haben schein ein sehr widersprüchliches und daher nicht minder beunruhigendes Bild. Die Autorin des obigen Artikels zieht letztlich den Schluss, dass Frau selber entscheiden muss, welches Risiko sie eingeht – das ist natürlich alles andere ermutigend, aber so ist man natürlich als Journalist ganz sicher auf der ganz sicheren Seite…

Manche Journalisten haben beobachtet, dass sich zumindest in den „besseren“ Vierteln abends nur noch wenige Frauen auf Indiens Straßen aufhalten und haben daraus geschlossen, dass Indiens Frauen heute anscheinend nicht zu jeder Zeit gefahrlos allein auf die Straße gehen können. Man könnte das aber auch anders deuten. Ich lebe auf dem Dorf, da sieht man normalerweise auch nicht abends massenhaft Frauen auf der Straße (warum auch)? Man muss auch wissen, dass die modernen Frauen in Indiens Städten sehr wohl ausgehen, aber natürlich mit dem Auto zu Restaurants und Clubs fahren bzw. vom Fahrer gebracht werden eben weil dies dort so üblich ist.

Natürlich war die dänische Touristin nicht „schuld“, völlig unsinnig das anzunehmen. Daraus zu schließen, dass man tun und anziehen sollte was man will wäre aber vielleicht dann doch der falsche Weg. Weswegen wir den Studentinnen auch ganz klar empfohlen haben, sich an die Kleiderregeln zu halten. Wenn es um die eigene Sicherheit geht, sollten wir nämlich berücksichtigen, dass es uns leichter fällt, die kulturellen Gegebenheiten in uns vertrauten Kulturen einschätzen, weswegen wir auch weniger Gefahr laufen, uns in gefährliche Situationen zu begeben. Und in Indien ist vor allem aus einem Grund besondere Vorsicht geboten, nämlich gerade weil die indische Kultur in Bezug auf Kleidung oder Verhalten ziemlich tolerant ist, oder zumindest weitaus liberaler erscheint, als etwa die Sitten in arabischen Ländern, wo einer Frau, die sich nicht angemessen kleidet oder verhält, direkt Gefängnisstrafen drohen. Dort kann einem wirklich schreckliches widerfahren – völlig schuldlos dazu, wie im Fall jener Touristin, die vergewaltigt und ins Gefängnis gesteckt wurde – wegen sexueller Unzucht. Aber eigentlich weiß man ziemlich klar, woran man in diesen Ländern ist, und wie man sich verhalten muss. Die (scheinbare) Liberalität in Indien verleitet dagegen leicht zu „falschem“ sprich „unangemessenem“ Verhalten und unbewussten und unbeabsichtigten Grenzüberschreitungen, die in der Regel eben auch nicht „offiziell“ geahndet werden sondern einem nur dadurch bewusst werden, dass man als Ausländer etwa „angegafft“ wird (und: in den allermeisten Fällen bleibt es auch dabei).

Inder würden aus Höflichkeit nie etwas zu schlechtem Benehmen sagen, man gewinnt „nur“ ein schlechtes Ansehen. So waren auch die Hippies in den Augen der Inder nicht freie, liebenswerte Blumenkinder sondern nur ziemlich obszöne, verrückte Leute. Aber in Indien gilt die Devise leben und leben lassen – solange man keinen Schaden anrichtet. Zusammen mit dem Bild von Frauen in Hollywoodfilmen u.a. haben die Hippies aber sicherlich zu dem Eindruck beigetragen, dass westliche Frauen sexuell ziemlich freizügig seien. Aus der Sicht traditioneller Inder ist der moderne Westen mehr oder weniger ein einziges Bordell. Auch wenn manche aus dem Westen das nicht einsehen mögen: Man tut im Zweifel durchaus etwas für die eigene Sicherheit und bricht sich außerdem auch keinen Zacken aus der Krone, wenn man die kulturellen Regeln und Werte der Ländern in denen man sich aus freier Entscheidung aufhält, respektiert und sich informiert. Indien ist selbst für allein reisende Frauen ein sicheres Reiseland. Gleichwohl ist es sicherlich besser, bestimmte Regeln zu beachten und, wenn man sich nicht auskennt, sollte man sich am besten einer Gruppe anschließen oder  in Begleitung von Indern reisen. Umgekehrt gibt es bekanntlich ja auch Zonen in Ostdeutschland, in die Inder besser nicht allein reisen oder wo sie sich nachts besser nicht auf den Straßen aufhalten sollten – und auch in Westdeutschland wird man eher auf Ausländer zugehen oder ihnen helfen, wenn sie alleine und nicht in größeren Gruppen reisen. Solche Dinge muss einem eben nur jemand sagen, oder man muss sie nachlesen. Inwiefern man sich über Regeln informiert und sie beachtet, kann freilich nur eine persönliche Entscheidung sein. Sofern ich mich freiwillig dazu entscheide, in Länder zu reisen, in denen die Kleiderordnung restriktiv ist, richte ich mich danach – auch wenn ich sie ablehne und möglicherweise auch für Ihre Abschaffung bin. Wenn ich nach Indien fahre, ziehe ich etwa keine kurzen Hosen an und laufe nicht schulterfrei herum (so angezogen gehe ich aber übrigens auch nicht im Dom von Florenz, wo man mir ebenso wie etwa im Taj Mahal ein Tuch reichen würde, um meine Schultern zu bedecken). Es ist auch sicher gut zu wissen, dass etwa in Nordindien der islamische Einfluss stärker zu spüren ist als in Südindien, und das direkte Anschauen oder freundliche Anlächeln von Männern generell vermieden werden sollte. All diese Tipps sind zwar keine Garantie gegen Vergewaltigung (die gibt es nirgendwo auf der Welt) aber durchaus nützlich und sicher besser, als aus Unwissenheit oder Prinzip gegen solche kulturellen Regeln zu verstoßen. Wenn es um die eigenen Kinder ginge, würde das sicher jeder beherzigen – überall auf der Welt.

Wir täuschen uns sehr leicht. Auch in Bezug auf die Situation bei uns

Die in Delhi ansässige angesehene Autorin und Expertin für Ethnische Fragen Radha Kumar bezeichnet Vergewaltigung als eines der häufigsten Verbrechen gegen Frauen in Indien. Das ist unendlich schrecklich. Allerdings müsste man eigentlich leider gleich dazu sagen: Eines der häufigsten Verbrechen gegen Frauen ist Vergewaltigung auch in jedem anderen Land der Welt – wenn auch in höchst unterschiedlichem Ausmaße. Das häufigste ist fast überall, dass Frauen geschlagen werden, meist  vom Ehemann. Die US-Journalistin Jessica Valenti, hat in The Nation, US-Kommentatoren entsprechend Scheinheiligkeit vorgeworfen, indem sie Indien eine „Vergewaltigungskultur“ vorwürfen, während sie gleichzeitig verneinen, dass Vergewaltigungen in den USA genauso systematisch verbreitet sind. Der UN-Beauftragte für Menschenrechte hat Vergewaltigung in Indien als „nationales Problem bezeichnet. Das ist es absolut, das ist es aber auch in Schweden, in den USA und Deutschland, und man sollte eigentlich vielmehr „froh“ sein dass das Thema in Indien begonnen hat, wirklich ganz zentral in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu dringen. Die Autorin und Aktivistin Eve Ensler, die One Billion Rising, organisiert hat, eine globale Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen sagt, dass sie bei einer Reise nach Indien zur Zeit der Gruppenvergewaltigung in Delhi den Eindruck hatte, dsich dort ein ungemein engagierter und offener Diskurs entwickelt hat,wie man ihn sich manchmal auch im Westen wünschen würde.

Sie schreibt:

“having worked every day of my life for the last 15 years on sexual violence, I have never seen anything like that, where sexual violence broke through the consciousness and was on the front page, nine articles in every paper every day, in the center of every discourse, in the center of the college students’ discussions, in the center of any restaurant you went in. And I think that is what has happened in India, India is really leading the way for the world. It’s really broken through. They are actually fast-tracking laws. They are looking at sexual education. They are looking at the bases of patriarchy and masculinity and how all that leads to sexual violence.”[146] (zitiert nach Wikipedia)

Die Fälle haben ganz Indien aufgeschreckt und viel bewegt, und dennoch: die Frauenbewegungen Indiens sehen das Thema Vergewaltigungen nicht als das drängenste Problem an, ebenso wenig wie das für uns so gleichermaßen abstoßende wie faszinierende Phänomen von Sati (Witwenverbrennung), da letzteres ein außerordentlich seltenes Phänomen geworden ist. Seit der Unabhängigkeit 1947 begingen circa 50 Frauen Sati, genau weiß man es zwar leider nicht, das Thema erhält auch in Indien eine enorme mediale Aufmerksamkeit, auch wenn es sich dabei um eine in Bezug auf die Bevölkerungszahl absolut verschwindend geringe Zahl an Vorkommnissen handelt. Im Mittelpunkt der feministischen Arbeit steht heute vielmehr ein Ansatz, der sich ganzheitlich um den Themenkomplex wirtschaftliche Lage der Frauen, Gesundheit, Bildung usw. dreht. Denn wirtschaftliche Selbständigkeit und eine gute Ausbildung sind der Schlüssel zur besseren Durchsetzung von Frauenrechten.

Kehren wir noch einmal kurz zu den Merkwürdigkeiten der Statistik zurück. Schweden etwa führt die europäische Vergewaltigungsstatistik mit mehr als viermal so vielen angezeigten Vergewaltigungen wie in Deutschland (und ergo auch weitaus höher als -rein statistisch betrachtet – eben in Indien.) an. Nur 13 Prozent der Fälle scheinen dort aufgeklärt zu werden Ist Schweden also viermal unkultivierter als Deutschland? Nein, in jedem Land gibt es eine ganz eigene Geschichte und ein Blick darauf ist zweifellos erhellend. Ein Bericht in der Welt zitiert etwa den Stockholmer Juraprofessor Christina Diesen, mit der Aussage, dass ihn die Zahl der Vergewaltigungen angesichts der Partykultur in Schweden „nicht überrasche“, ebenso wenig die geringe Aufklärungsquote, schließlich seien 56 % der Frauen zur Tatzeit betrunken gewesen und könnten sich kaum noch erinnern, was wirklich passiert sei. Der Mann wäre in Deutschland für sein negatives Frauenbild möglicherweise gevierteilt worden. Wie auch immer – aufklärende oder empörte Artikel in deutschen Zeitungen über die Zustände in Schweden findet man eher selten. (Ausnahme: http://www.welt.de/politik/article3643996/Vergewaltigungsrate-in-Schweden-am-hoechsten.html). Während diese Anekdote aus Schweden noch unfreiwillig komisch wirken mag, bergen andere Fakten Sprengstoff, weil sie rechtsradikalen Verschwörungstheorien jede Menge Futter zu liefern scheinen.

So soll es in Oslo. 2008 doppelt so viele Fälle von Vergewaltigungen gegeben haben wie im Jahr zuvor. Nicht nur 2008 und 2009, sondern auch im Jahr 2007 seien die Täter in allen Fällen nicht-westliche Einwanderer gewesen, soll angeblich die Zeitung „Aftenposten“ berichtet haben (die Zeitung wird von verschiedenen – rechtsorientierten? – Foren zitiert, findet sich aber unter den angegebenen links nicht mehr, vielleicht hat jemand mehr Glück als ich bei der Suche). Im gleichen Zeitraum seien in 9 von 10 Fällen Norwegerinnen die Opfer gewesen. Man braucht nicht lange zu suchen um zu sehen, wie derartige Informationen in zahlreichen rechtsgerichteten Foren kommentiert werden. Eine ausführliche Diskussion darüber was das bedeutet – auch im Zusammenhang mit dem wachsenden Rechtsradikalismus – dazu in deutschen Medien? Bisher weitgehend Fehlanzeige. In den offiziellen Medien wird nicht darüber geschrieben, – man muss sich aber über entsprechende Verschwörungstheorien nicht wundern, da die Fakten auch nicht widerlegt werden können. Auch in den Niederlanden ist eine Statistik des Grauens veröffentlicht worden, mit der Zahl der Opfer von Vergewaltigungen. Danach sei schon jede neunte Frau mindestens einmal vergewaltigt worden (kann das sein, wäre ja entsetzlich. Wieso liest man hier nichts dazu?). Vier Prozent der Niederländerinnen unter 16 Jahren seien sogar schon Opfer von Gruppenvergewaltigungen geworden. 17 Prozent hätten mindestens eine versuchte Vergewaltigung hinter sich. Und nur 8 Prozent der vergewaltigten Frauen würden sich überhaupt noch an die Polizei wenden. Diese Zahlen hätten niemand erstaunt, wenn sie aus Indien gekommen wären Hier aber findet gar keine Diskussion darüber statt, und das ist eigentlich noch viel befremdlicher.

Offenbar weigern wir uns sehr gerne, die Zustände vor der eigenen Haustür wahrzunehmen geschweige denn zu lösen, und richten den verurteilenden Blick lieber nach außen. Bei meinen Recherchen habe ich übrigens viele ähnlich scheußliche Vergewaltigungsfälle gefunden wie den in Delhi – überall auf der Welt (offen gestanden muss ich tatsächlich sagen, dass diese Recherchen ziemlich hart für mich waren, die Berichte und mehr noch oft der Umgang in der Gesellschaft damit, haben mich manchmal echt fast bis an den Rand einer Depression geführt, mein einziger Trost war immer wieder nur Mr. Pinker, der mir ausreichend glaubhaft gemacht hat, dass derartige Fälle – egal wo sie stattfinden – nach wie vor Ausnahmen sind und die Gewalt weltweit insgesamt – sogar deutlich – zurück geht).

Fazit

Positiv gewendet könnte man darauf hoffen, dass eine dramatisierende Berichterstattung immerhin den Druck zu mehr Frauenrechten bewirken wird. Allerdings wird dieser mögliche Nutzen dadurch erkauft, dass wir derzeit eine sehr einseitige Sicht vermittelt bekommen, die unser Verständnis von Indien nicht verbessert, sondern unsere negative Einstellung womöglich unverrückbar verfestigt. Und wenn wir etwas an anderen nicht verstehen bedeutet dies im Grunde immer auch, dass wir uns selbst nicht richtig verstehen. Ich bin sehr pessimistisch, dass ein „Geraderücken“ wie ich es in diesem Artikel versucht habe, dazu in der Lage ist, ein positiveres Bild von Indien zu erzeugen, solange Indien nicht für jedenauch im Westen erkennbar wieder zu einer wirtschaftlichen „Erfolgsgeschichte“ wird. Mitte der 2000er Jahre etwa waren die Zeitungen voll von Lobeshymnen über Indiens Wachstumsgeschichte (Shining India). In den Schwärmereien über die (übrigens immer noch enormen) Chancen, die Indien wirtschaftlich damals zu bieten schien, rückten die negativen Seiten häufig gänzlich in den Hintergrund beziehungsweise wurden nur sehr undifferenziert behandelt. Als die Wachstumsstory aus verschiedenen Gründen ins Stocken geriet, häuften sich – fast über Nacht – fast ausschließlich negative Berichte über Indiens Wirtschaft (Johannes Wamser, der deutsche Firmen in Bezug auf ihr Indien-Geschäft berät und Autor kenntnisreicher Bücher über Indien ist, hat sehr detailliert belegt, dass dieser „plötzliche“ Wandel in der Berichterstattung sehr viel mit Stimmungen und unverschuldeten Verschlechterungen, aber wenig mit den tatsächlichen Rahmenbedingungen zu tun hat, die sich in vielen Fällen sogar eher verbessert haben).

Traurig wäre es insofern, wenn die ausschließlich negative Berichterstattung hierzulande etwa Mittelständler davon abhalten würde, in Indien zu investieren. Gerade für sie bestehen trotz vieler Schwierigkeiten nach wie vor enorme Chancen in Indien. Große Unternehmen lassen sich in aller Regel ohnehin nicht von kurzfristigen Imageverschlechterungen abhalten, sie haben die langfristigen Geschäftschancen im Blick und viele investieren unvermindert oder sogar so viel wie nie in Indien (so etwa Novartis, Metro oder Bosch). Der German-Indian-Round-Table mit mehr als 3000 Mitgliedern pflegt die deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen und erfreut sich eines wachsenden Zuspruchs. Nach einer aktuellen Studie von Ernst&Young bleibt Indien eines der attraktivsten Länder für Investitionen Mehr als 800 Millionen Inder warten noch darauf, in die Mittelschicht aufzusteigen, zu der derzeit circa 300 Millionen Menschen gehören – so viel wie ganz Europa. Mit Sicherheit werden wir in den Wirtschaftsmedien positive Geschichten in den Zeitungen zu lesen bekommen. Doch wollen wir es wirklich zulassen, dass unser Wissen über die Menschen in aller Welt so mit den Wirtschaftsnachrichten oder der jeweiligen politischen Lage oder den Schlagzeilen schwankt? Im Zeitalter des Internet, so wäre doch anzunehmen, müssten wir doch eigentlich besser informiert sein. Ich möchte es wirklich hoffen. Denn wenn wir wirklich offen wären, könnten wir noch unendlich vieles von Indien lernen.

Nachtrag/Exkurs: ist Bollywood wirklich schuld?

Ein neueres Motiv in dem „böses Indien-Narrativ“ – wahrscheinlich auf der Suche nach einer vernünftigen Erklärung für die erschreckenden Nachrichten aus Indien – ist, dass Bollywood schuld an dem sexistischen Frauenbild und somit den Vergewaltigungen sei. Kürzlich erschien etwa im Spiegel ein Artikel, in dem in dramatischer Form darüber berichtet wurde, dass es in Bollywood-Filmen regelmäßig zu Vergewaltigungsszenen käme. Ich möchte erklären (auch wenn das nicht ganz einfach ist), warum diese Erklärung so meiner Meinung nach nicht stimmt und sie überdies ziemlich scheinheilig ist. Denn ja, natürlich wackeln die – übrigens wunderschönen – Inderinnen in den Bollywoodfilmen beim Tanzen verführerisch mit dem Körper und im Zweifel werden sie dann auch noch nassgespritzt, damit der Sari eng anliegt (kennen wir das nicht auch von den wet-T-shirt-Contests?). Diese Mädchen sind ein weit, weit entfernter Traum für Indiens Männer und es könnte auf sie so wirken, als wären Frauen für alles zu haben und so eine Erklärung sein für die vermeintlich wachsende Zahl von Vergewaltigungen. (Hautpsächlich) Schuld an der Unterdrückung der Frau und Vergewaltigungen ist Bollywood allerdings meiner Meinung nach dennoch nicht, möglicherweise sogar im Gegenteil. Das erste Argument ist noch ziemlich einfach: die Situation der Frauen in Indien war vor der Erfindung von Bollywood insgesamt wohl noch weitaus trostloser als heute (ich empfehle auch hier wieder die Lektüre von Westphals Buch bzw. dem was Radha Kumar in Büchern und im Internet schreibt).

Das zweite ist deutlich komplexer. Ich schaue nicht so oft Bollywoodfilme, einfach weil sie mir nicht gefallen (die Filme der indischen Regisseurin Mira Nair dagegen liebe ich) – aber ich habe versucht, mich zu informieren, was nicht ganz einfach ist. Dass Raubszenen und angedeutete Vergewaltigungen in etlichen indischen B-Movies eine Rolle spielen ist bekannt. Was man dagegen praktisch niemals findet sind sehr drastische, sehr reelle wirkende Szenen, wie sie in westlichen Filmen nicht selten gezeigt werden. Der Spiegel zitiert einen populären indischen Filmschauspieler, der auf dieses Fach des Bösewichts abonniert ist und ungefähr 500-600 solcher angedeuteten Vergewaltigungsszenen in seiner Karriere abgedreht hat (700-1000 Filme werden von der indischen Filmindustrie pro Jahr insgesamt gedreht). Zur Einordnung dieser Szenen muss man wissen, dass diese eher dramaturgische Gründe haben. Wie oben bereits gesagt ist Indien aufgrund geschichtlicher Einflüsse extrem prüde – bis vor kurzem war es noch undenkbar, dass ein Pärchen Hand in Hand durch die Gegend läuft. In den populären großen Bollywoodfilmen, die in den Städten gezeigt werden, sind realistische, auch nur andeutungsweise Sex-Szenen schlicht undenkbar. Bollywoodfilme sind in aller Regel nur kitschig-romantische, bunte Liebesfilme, mit viel Musik und Tanz. Der in Indien derzeit sehr kontrovers diskutierte Film „Kill the rapist“ des indischen Regisseurs Sanjay Chel, der damit ein aufklärerisches Ziel verfolgt und die Einnahmen einer Organisation spenden will, die sich gegen Vergewaltigungen engagiert, wirkt gerade deswegen so sensationell auf viele Inder (aber eben vor allem: schockierend geschmacklos), weil er eben Vergewaltigungsszenen genau in einer solch für Indien drastischen und unangemessenen Form zeigt und ohne eine moralische Botschaft. Die Handlung: Eine Frau gerät in die Hand eines Vergewaltigers, schafft es aber, ihn in ihre Gewalt zu bekommen. Nun soll der Zuschauer entscheiden, was mit dem Mann geschehen soll. Die Kommentare im Internet dazu sind (übrigens kulturunabhängig) die gleichen: „Schwanz ab, verbrennen, Rübe ab“ und so weiter (zum Glück gibt es überall auf der Welt, auch in Indien selbst viele vernünftige Stimmen, die die Vergewaltiger in Indien verhängten oder geforderten Todesstrafen (oder Forderungen nach Kastration) sehr kritisch kommentieren (ich habe dagegen in persönlichen Gesprächen auch von Leuten in Deutschland oft zu hören bekommen, dass Vergewaltiger oder Kinderschänder „aufgehängt“ gehören).

Der Spiegel weist zu Recht darauf hin, dass die Tatsache, dass Vergewaltigungs-Szenen grundsätzlich begleitet sind von einer moralischen Botschaft (der Täter wird geschnappt und streng bestraft bzw. die Tat wird gerächt) ziemlich scheinheilig ist. Allerdings: Das ist in deutschen Tatorten allerdings auch nicht anders, wo am Ende auch fast immer das Gute gewinnt – anders als im richtigen Leben (In Deutschland wurde ein bei der ARD ausgestrahlter Krimi über Kinderprostitution namens „Operation Zucker“ von der FSK zensiert mit der expliziten Begründung, dass er kein „gutes Ende“ nähme, was für Jugendliche verstörend sein könne. Die vollständige Fassung wurde dann nachts ausgestrahlt Was der Spiegel auch völlig verschweigt ist, dass derartige-Filme ihre Vorbilder im Westen haben (wer den die indische Filmindustrie kennt weiß, dass sie ganz generell mit Vorliebe westliche Genres kopiert und auf indischen Geschmack zuschneidet). Nämlich im Genre der „Rape-and-revenge-Filme“ aus dem Genre der Exploitationsfilme die besonders in den 70er Jahren in den USA populär waren.

Wikipedia schreibt: Ein Rape-and-Revenge-Film (alternativ rape/revenge, rape-revenge) ist ein Film, der zum Subgenre der sogenannten Exploitationfilme gehört. (…) Derartige Filme folgen im Wesentlichen einem dreiaktigen Handlungsmuster:

  • Akt I: Eine Frau wird vergewaltigt und/oder gefoltert, und liegengelassen (der oder die Täter halten sie für tot).
  • Akt II: Die Frau überlebt und kommt wieder zu sich.
  • Akt III: Die Frau nimmt Rache und tötet ihre(n) Vergewaltiger.

Der Film Ich spuck auf dein Grab des israelisch-amerikanischen Regisseurs Meir Zarchi zum Beispiel entstand im Jahr 1978 in den USA und erzählt die Geschichte einer Frau, die vergewaltigt wird und sich an ihren Peinigern per Selbstjustiz rächt (worin wiederum „kill the rapist“ sein Vorbild hat) Im Jahr 2010 wurde „I spit on your grave“ neu verfilmt.

„Snuff-Movies“ gehören nach Meinung vieler zu einer „Urban Legend“ – dennoch spielt das Thema in westlichen Büchern und Filmen eine große Rolle und wird heiß diskutiert (siehe dazu den Wikipedia-Eintrag. Auch wenn es „echte“ snuff-Filme nicht geben sollte sind schon allein die bisherigen dramaturgischen Verwertungen schlimmer als alles, was sich Bollywood je ausdenken könnte. Nach wiederholten Berichten von Emma hat auch die Gewalt in westlichen Pornos dramatisch zugenommen. So viel zum Thema Scheinheiligkeit).

Das Frauenbild in indischen Filmen mag kitschig und nicht gerade emanzipiert sein – aber ist das bei uns im Westen wirklich anders? Wohl kaum. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die Rolle der Frau in westlichen Filmen wie Superman auch immer nur darin besteht, die Kulisse für seltsam kostümierte Helden abzugeben. Und was hierzulande an Rosamunde Pilcher, Bauer-sucht-Frau, Germanys next Topmodel etc. über den Äther läuft, ist nicht minder unemanzipiert. Was in deutschen Tatorten an Gewalt gezeigt wird, ist nicht selten absolut ekelhaft. [iv] Aber niemand würde hier behaupten, dass dies zu mehr Vergewaltigungen führt und möglicherweise sogar Verbote fordern, ganz im Gegenteil haben wir so viel Krimi im Fernsehen wie noch nie.

Die Tatsache, dass der überwiegende Teil der Menschen im Westen die Filme aus ihrem eigenen Kulturkreis bzw. Hollywood nicht als gewalttätig oder anzüglich empfinden — und auch die sexistische Werbekultur die uns umgibt gar nicht wahrnehmen liegt vermutlich daran (so der kanadische Begründer der Medienwissenschaft Marshall McLuhan) dass wir in unseren „kühlen“ Kulturen Wege geschaffen haben, diese intensiven Medieneindrücke auf unsere Sinne abzumildern bzw. unserem Bewusstsein zu entziehen. Wäre dem nicht so, müsste unser Hirn eigentlich permanent Amok laufen – und man kann sich vorstellen, welch explosive Auswirkungen all das Material hat, das in traditionellen Gesellschaften wie Indien plötzlich durch das Internet zur Verfügung steht. Für mich interessant war insofern eine Aussage des ebenfalls im Spiegel-Artikel über Bollywoodartikel zitierten indische Psychoanalytiker Sudhir Kakar der meinte, dass Indien traumatisiert sei angesichts des schnellen Wandels – und dass traumatisierte Menschen zu Gewalttaten neigen, zu denen sie unter normalen Bedingungen nicht fähig wären. Mir scheint diese Theorie recht plausibel zu sein, ohne damit etwas „entschuldigen“ zu wollen. Dass große gesellschaftliche Umwälzungen häufig Hand in Hand mit gewalttätigen Auseinandersetzungen gehen sollte uns auch in Europa nicht ganz fremd sei. Wir wissen heute (zurzeit laufen allerhand Rückblicke zum ersten Weltkrieg), dass es nicht nur handfeste politischen Interessen sondern auch eine gewisse hysterische Grundstimmung war – die letztlich in die Urkastastrophe des ersten und schließlich des zweiten Weltkrieges führte. Erste Ansätze zur sexuellen Befreiung gab es bekanntlich Anfang des 20. Jahrhunderts, ebenso die Entdeckung des Unterbewussten, die ersten „Hippies“ im Tessin etc. Die Entdeckung des Individuums ist ein Phänomen der Moderne. Zufall? Bis zur endgültigen Befreiung der Menschen von strikten Normen und einer verklemmten Sexualmoral sollte es dann aber auch noch einiger Jahrzehnte dauern. Die „Heimat“-Filme von Edgar Reitz haben eindrücklich die die Gesellschaft aufwühlenden Veränderungen – vom patriarchalen Modell hin zur Moderne einschließlich der Gleichberechtigung der Frauen – gezeigt. Indien befindet sich gerade mitten in dieser Umwälzung beziehungsweise diese steht der Bevölkerung auf dem Land noch weitgehend bevor. Angesichts der jahrtausendealten Kultur sowie den riesigen Problemen, vor denen Indien schon allein angesichts seines Bevölkerungsentwicklung und der schwierigen politischen, geologischen und wirtschaftlichen Situation steht, sowie angesichts der Geschwindigkeit und dem Umfang der derzeitigen Umwälzungen, könnte man gewiss auch bewundern, wie vergleichsweise friedlich sich dieser Übergang in die Neuzeit derzeit in Indien vollzieht. Und bei aller Ungeduld und Wut, die einen angesichts der zweifellos nach wie vor schrecklichen Situation vieler Frauen in Indien – vor allem auf dem Land – oftmals überkommt sollte man nicht unbedingt erwarten, dass sich alles innerhalb weniger Jahre ändern kann und wird.

Man sollte durchaus auch manchmal genauer hinschauen, aus welcher Ecke eine Kritik kommt. Die Kritik an Bollywood kommt etwa keineswegs immer nur von feministischer Seite sondern viel häufiger noch von konservativen Vertretern, die sich gegen eine weitere Modernisierung Indiens und ein modernes Frauenbild richten und Bollywood-Filme vor allem deshalb ablehnen, weil diese Filme Frauen zu mehr Emanzipation d.h. Selbstbestimmung zur Partnerschaft und Sexualität ermuntern – und zu einem selbstbewussten Auftreten gegenüber Männern (wie etwa in dieser Szene aus einem der bekanntesten Filme in Indien mit Indiens bekanntestem Schauspieler Sharukh Khan, “Chak De”: https://www.youtube.com/watch?v=A-IDnmBZSfU.)

Wenn man die Schuld an Vergewaltigungen oder Gewalt gegenüber Frauen wirklich vor allem einem einzigen Faktor zurechnen wollte, dann sind diese wahrscheinlich tatsächlich vor allem auf das massenhafte Abtreiben weiblicher Föten zurück zu führen. Der Spiegel gibt die Recherchen der US-amerikanischen Journalistin Mara Hvistendahls wieder. Dabei ist bemerkenswert, dass sich die tragische Situation in vielen Ländern Asiens findet. Unklar ist allerdings, was genau die Ursache der Misere sind. Ich zitiere:
„Fazit: Forscher machen bisher vor allem die Traditionen für das Phänomen verantwortlich. In China favorisieren Eltern wegen der (inzwischen aufgeweichten) Ein-Kind-Politik einen Sohn als Stammhalter. Und in Indien gilt eine Tochter als teuer, da die Eltern bei ihrer Hochzeit eine Mitgift zahlen müssen, das Kind aber nach der Hochzeit zur Familie ihres Mannes zieht – während ein Sohn später für die Eltern sorgt. Mehr Bildung und ein höheres Einkommen würden dieses Problem schon beheben, lautet die Schlussfolgerung meistens.

Doch die US-Journalistin macht nicht die alten Bräuche in armen Schichten für das Ungleichgewicht verantwortlich, sondern beschreibt das Missverhältnis als “Auswuchs des ökonomischen Fortschritts”. Der wirtschaftliche Aufschwung in vielen asiatischen Ländern, besonders in China und Indien, den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt, hat dazu geführt, dass sich immer mehr Frauen eine Ultraschalluntersuchung leisten können – und sich für einen Abbruch der Schwangerschaft entscheiden, wenn der Fötus ein Mädchen ist.

Hvistendahl wirft dem Westen vor, durch das Propagieren von Bevölkerungskontrolle seit den fünfziger Jahren zu dem Problem beigetragen zu haben. In ihrem gerade erschienenen Buch “Unnatural Selection” beschreibt sie, dass Länder wie China und Indien ein langsameres Bevölkerungswachstum als Schritt zur wirtschaftlichen Entwicklung sehen und deshalb niedrigere Geburtenraten fördern.

In diesem politischen Klima würden Abtreibungen von weiblichen Föten zunehmen – und dank Verbreitung von Ultraschallgeräten überhaupt erst möglich werden. Die indische Aktivistin Ranjana Kumari geht so weit zu behaupten, dass “das Töten von weiblichen Föten zunimmt, je reicher und je gebildeter die Menschen sind”.

Dies ist wie gesagt in vielen asiatischen Ländern so. Leider greifen die Medien das Thema „Abtreibung weiblicher Föten aber oft nur auf, um eine negative Geschichte über Indien „abzurunden“. In Bezug auf China, mit dem viele westliche Firmen so gute Geschäfte machen, liest man viel seltener. Ich zitiere wieder den Spiegel-Artikel:

„Studien belegen, dass in Asien in den vergangenen drei Jahrzehnten immer weniger Mädchen geboren wurden – mit gravierenden Folgen: In der chinesischen Stadt Tianmen kommen auf 100 Mädchen unter vier Jahren 176 Jungen, in manchen chinesischen Orten beträgt das Verhältnis sogar eins zu zwei. Und Indiens Volkszählung im Frühjahr 2011 ergab, dass das bereits seit dem ersten Zensus im Jahr 1861 vorhandene Missverhältnis zwischen Jungen und Mädchen im zurückliegenden Jahrzehnt deutlich zugenommen hat.

Die Mordraten, sind entsprechend auch am höchsten nicht etwa in den ärmsten Gegenden, sondern in jenen mit dem größten Ungleichgewicht von Männern und Frauen. Und die negativen Folgen werden überall spürbar werden – nicht nur in Indien. Pinker schreibt: „Der Männerüberschuss lässt, was die unmittelbaren Aussichten auf Frieden und Demokratie in den betreffenden Regionen angeht, nichts Gutes erwarten.“ Immerhin sieht er aber sehr langfristig auch Anlass für Optimismus: „Auf lange Sicht dürfte sich das Geschlechterverhältnis durch die feministische und humanitäre Sorge um das Recht weiblicher Feten, den ersten Atemzug zu tun, wieder ausgleichen, insbesondere wenn auch die politische Verantwortlichen endlich die demographische Arithmetik begreifen und die Anreize, Töchter großzuziehen, verstärken“. Hoffen wir mal, dass dies geschehen wird. Das wäre auf jeden Fall sicher die wirksamere Alternative als etwa Bollywood-Filme zu verbieten. Wir kämen ja auch nicht auf die Idee, etwa das Dschungelcamp wegen Sexismus zu verbieten (Obwohl die Idee einen gewissen Reiz hat, aber schließlich hat hier ja jeder ein Recht fast alles zu senden was Quote bringt – beziehungsweise zu schauen egal wie primitiv es in den Augen anderer wirken mag – und das sollte auch woanders so gelten).

 

[i] Laut der letzten Zahlen des National Crime Records Bureau wurden 2012 in Delhi, wo rund 7,5 Millionen Frauen wohnen, mehr Frauen vergewaltigt (585 Fälle in 2012) als in anderen Megacities Indiens mit mehr als 10 Millionen Einwohnern, etwa Mumbai (232), Kalkutta (68), Chennai (94) und Bangalore (90). (http://www.bbc.co.uk/news/world-asia-india-22901918)

[ii] Das Gesetz ist ein Überbleibsel der britischen Kolonialzeit, in England 1967 bereits wieder abgeschafft, in Indien hat es sich leider bis heute gehalten, dabei muss man muss bedenken, dass Indien – ursprünglich alles andere als prüde und im Süden sogar matrimonial geprägt- tatsächlich über Jahrhunderte Einflüssen ausgesetzt war, die eine sexual- und frauenfeindliche Kultur gefördert haben (und gleichzeitig eine scheinheilig ausschweifende Zügellosigkeit) – angefangen von der Mogulherrschaft bis hin zur englischen Kolonialmacht.

[iii] Das Entsetzen über den Fall der Gruppenvergewaltigung von Delhi war vermutlich tatsächlich deshalb so groß, weil das Paar aus dem Mittelstand stammte und nichts „falsch“ gemacht hatte – es war erst 21 Uhr abends, es hatte den Bus genommen. In Indien wurde daher vielfach der Vorwurf gemacht, dass Medien und Politiker erst jetzt auf das Problem aufmerksam geworden seien, weil sich nun zum ersten Mal auch die Mittel- und Oberschicht betroffen fühlten.

[iv] Ich möchte die negative Rolle der Medien in Bezug auf Gewalt und Frauenbilder keinesfalls herunterspielen, ganz im Gegenteil. Der kanadische Urvater der Medientheorie, Marshall McLuhan hat schon in den 60er Jahren gezeigt, mit welcher Macht und Unentrinnbarkeit die Medien die Sinne der Menschen trifft. Für ihn macht es dabei allerdings einen riesigen Unterschied, ob von ihm als „heiß“ (er meint damit aber nicht Sex sondern Medien, die klar definiert sind, das zu erklären würde etwas länger dauern) bezeichnete Medien auf kalte, (das bedeutet -ungefähr aber nicht ganz! – zivilisierte, technisierte, in ihrer Wahrnehmung fragmentierte) oder „heiße“ – sprich orale, tribale bzw. traditionelle Kulturen treffen, bei denen die Sinne noch eine Einheit bilden. Ich habe vorhin Steven Pinker zitiert, der detailliert nachgewiesen hat, dass es in den letzten Jahren in Sachen Gewalt zu einer deutlichen Verringerung und einer insgesamt fortschrittlicheren Einstellung gegenüber Frauen gekommen ist. McLuhan erntete zu seiner Zeit nur Kopfschütteln für seine These, die Form des Mediums Fernsehen oder elektronische Medien – die Hippiebewegung oder die Umweltschutzbewegung könnte also auch davon beeinflusst gewesen sein. Generell hätte das Fernsehen aber eine dämpfende Wirkung auf Gewalt (er empfahl tatsächlich, in bürgerkriegsgefährdeten Gegenden Fernseher zu verteilen). Auch Radio und Telegraph haben nach ihm bereits diese gewaltdämpfende Wirkung gehabt, da es sich auch bei Ihnen bereits um elektronische Medien handelte, siehe McLuhan: Understanding Media“), Es scheint tatsächlich so zu sein, dass sich die zunehmende Gewalt im Kino oder Videospielen sich nicht immer unmittelbar in „realen“ Taten niederschlägt, sonst wäre der von Pinker diagnostizierte Rückgang der Gewalt mit der gleichzeitigen dramatischen Steigerung des Ausstoßes von Actionfilmen und Ego-Shootern eigentlich nicht erklärbar. In der prüden, „heißen“ indischen Kultur aber scheinen bereits die Hollywoodfilme dazu beigetragen zu haben, nicht nur bei einfach Indern sondern auch den gebildeten ein Bild von Ausländerinnen dahingehend zu erzeugen, dass diese „leicht zu haben“ seien. Das Bild ausländischer Frauen ist ebenfalls sehr stark geprägt worden von den Hippies, deren freizügiges Benehmen in Indien, eben weil das Land per se sehr tolerant ist zwar geduldet, aber in der Regel doch sehr verwundert und mit Abscheu zur Kenntnis genommen wurde (so ist bekannt, dass der berühmte Sitar-Spieler Ravi Shankar, das große Vorbild der Beatles und psychedelischen Indien-Schwärmer – von Woodstock und der Hippie-Beatnik-Bewegung eigentlich gar nichts hielt und sich strikt davon distanzierte. Sitar-Spielen ist Ausdruck der indischen Hochkultur und ganz sicher nicht Musik für wilde Parties, bei denen man sich die Kleider vom Leib reißt).

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