Zeugs wird gespeichert – DSGVO

Köstlich!

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Bundesversammlung

Zum Glück sind wir eine gefestigte, aufrechte Demokratie, in der einer Besetzung wichtiger politischer Posten immer eine breite gesellschaftliche Diskussion voraus geht und in der zahlreiche Bewerber sich in einem demokratischen Wettstreit nach Kräften darum bemühen, ihre Qualitäten herauszuarbeiten, die sie ihrer Meinung nach für die Besetzung des Amtes auszeichnet.
In anderen Ländern, auf die wir mit vollem Recht verachtungsvoll hinabblicken, da sie demokratische Regeln nicht beachten und grundlegende Menschenrechte mit Füßen treten, in denen die Korruption grassiert, in solchen Ländern nämlich wird die Besetzung hoher Ämter einfach in Hinterzimmern abgesprochen und ausgekungelt. Da werden dann Unterstützer von Folter und Förderer von Putschisten, da werden jene an die Staatsspitze gesetzt, mit deren tatkräftiger Hilfe alle sozialen Errungenschaften zurück gebaut wurden und die Bürger um ihre gerechte Teilhabe an Wachstum und Prosperität zu Gunsten einer kleinen Elite gebracht werden. Zum Glück passiert das hier nicht.
#schonwiedernichtmeinPräsident

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Nach Köln: Männer die Frauen das Patriarchat erklären

Jetzt in der Medienlandschaft zu beobachten: (großteils weiße, männliche) Redaktuere, die Frauen unbedingt das Patriarchat und den Feminismus erklären müssen. Frau muss aufgeklärt werden darüber – da ihr das vermutlich vollkommen neu ist – dass das westliche Patriarchat, nichts weiter ist als eine einzige großte Scheinheiligkeit (aus “der Freitag” vom 7. Januar, ausnahmsweise von einer Frau, Antje Schrupp, die aber dem typischen männlichen Muster “Mann-erklärt-Frau-nach Köln-die-Welt” genau folgt welches ich im folgenden beschreiben möcht): “Der Schutz, den der westliche Mann “seinen” Frauen anbietet, hat leider noch nie wirklichen Respekt vor deren Wünschen bedeutet. Sondern es ist eher so wie bei Lord Cromer, der Ende des 19. Jahrhundert britischer Generalkonsul in Ägypten war. Dort betrieb er vehement die Entschleierung der “unzivilisierten ägyptischen Frauen – während er gleichzeitig in England eine “Männerliga gegen die Einführung des Frauenstimmrechtes” gründete.”

So weit so richtig (warum nur liest man solch interessante Dinge sonst nur so selten?). Wichtig ist jetzt in diesem Narrativ aber unbedingt noch der Dreh, dass dies der Beweis dafür ist, dass das alles auf keinen Fall etwas zu tun haben kann mit einem importierten Patriarchat – weil wie gesagt das hiesigie Patriarchat schon viel schlimmer ist als alles, was je von außen kommen könnte.´Dann muss Redakteur Frau aber noch erklären, dass Köln sowieso gar nichts mit Patriarchat oder sexueller Diskriminierung zu tun hatte, sondern ausschließlich mit organisiertem Verbrechen zu erklären ist: “die sexuellen Übergriffe hätten vor allem diesen Zweck gehabt die Opfer abzulenken, damit man sie leichter beklauen kann. Gut möglich, dass einige auch glaubten, ein sexueller Übergriff würde die weiblichen Opfer zum Schweigen bringen und verhindern, dass sie Anzeige erstatten. Aber da haben sie sich halt geirrt. Sie waren nämlich in Köln und nicht auf dem Tahir-Platz.”

Um das Topos abzuschließen fehlt nun noch, dass Redakteur zur Besonnenheit aufruft. Besonnenheit ist natürlich immer wichtig, erstens, aber es ist zweitens auch eine sehr “zivilisierte” Form der Männlichkeit. Frauen sind von Natur aus emotional und hysterisch. Zivilisierter Mann rottet sich nicht einfach zusammen und haut mit einer Keule dem Schänder seines weiblichen Eigentums aufs Maul, so wie in einigen Youtube-Filmen jetzt zu sehen. Er kann sich beherrschen. Er schreibt eine intellektuelle Notiz auf Facebook.
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Das Silvester der Denkverbote

Kölner-HH-2

von Till Nikolaus von Heiseler

Das Jahr 2015 markiert den Anfang vom Ende Europas. Das Jahr, das von Denkverboten bestimmt ist und in dem sich eine brutale Selbstzensur der Presse etabliert hat. Nur mit systemtheoretischen und poststrukturalistischen Modellen können wir verstehen, was hier passiert. Unser Steinzeitgehirn und unser Gefühl für Gut und Böse reichen dafür nicht aus.

In der Silvesternacht rotten sich etwa 1000 „dem Aussehen nach aus dem arabischen oder nordafrikanischen Raum stammende Männer“ (Focus) zusammen und vergewaltigen, demütigen und bestehlen Dutzende von Frauen. Mitten im Zentrum der Zivilisation: in Kölns Innenstadt, in der Nähe des Bahnhofs. Es ist ein kleiner Skandal, dass dies passiert. Doch ein großer Skandal ist, dass es vier Tage dauert, bis die sogenannte seriöse Presse darüber berichtet. Die Nachricht war auf Blogs und in sozialen Medien sofort präsent. Die Quellen waren so fragwürdig, dass ich mir nicht sicher war, ob es sich nicht um…

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Volkswind und Deutsche Bank – in wessen Namen?

Neulich stieß ich auf einen Artikel über eine Firma namens Volkswind. Es ging darum, dass diese Firma – wie nicht schwer zu erraten ein Windkraftunternehmen – die Ergebnisse eines Vogelschutzgutachtens zurück hält.
http://www.siegener-zeitung.de/siegener-zeitung/Windkraft-Daten-bleiben-geheim-54ee8bd7-3e5e-4bf6-92ff-c928832f0af4-ds
Aber ich stolperte vor allem über den Namen: Volkswind. Allen Ernstes.  Sollte man Firmen nicht lieber verbieten, Begriffe wie Volk” oder “Deutsche” im Namen zu führen? Nicht, weil ich “antideutsch” eingestellt wäre. Oder weil ich was gegen Volkswagen hätte. Und sind wir nicht alle mit dem Namen dieser Firma als Teil unserer Identität groß geworden (geschickt genutzt von VW derzeit in ihrer Werbekampagne “das Auto”). Einfach nur eine Marke wie jede andere auch? So wie Tempo? Aber mal im Ernst: Firmen können doch nicht im Namen des Volkes, also uns, allen möglichen Produkte – oder gar Mist verkaufen, wo kämen wir denn da hin? Oder wenn es so ist wie bei der Deutschen Bank: eigentlich ist der Hauptaktionär Blackrock, ein amerikanischer Geierfonds (oder sagen wir höflicher: Großinvestor) und macht mit einem Haufen Prozesse und dm von unglaublicher Arroganz getragenen Management eigentlich schon lange nur noch Schande…kann man nicht vielleicht auch Firmen ausbürgern? Sollten wir uns nicht um die “Reputation”, das “Image” unseres Landes Gedanken machen? (Manche behaupten ja, dass Deutschland sowieso nicht anderes als eine Firma ist, also warum sie nicht auch gleich so managen?) Wie auch immer. Es gibt heute aus meiner Sicht keinen Grund mehr einem Unternehmen zu erlauben, sich mit dem Namen “Deutschland” eine Anmutung zu geben, die in keiner Weise zu rechtfertigen und im Grunde nichts anderes ist als: Verbrauchertäuschung. Wenn Standesämtern ihren Bürgern verbieten können, ihre Kinder Pumuckel oder dergleichen zu nennen, warum sollte etwas Ähnliches nicht für Unternehmen möglich sein? Zumal es nur zu deren Besten wäre….Ehrlich.

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Warum verschrenken?

Es interessiert wahrscheinlich überhaupt niemand, aber ich wollte doch wenigstens ganz kurz erklären, warum ich meinen (entgegen aller Schreibregeln sehr unregelmäßigen und unsystematisch geführten) Blog “verschrenken” genannt habe (eigentlich ja ein ziemlich hässliches Wort). Ist ein Kombiwort aus verschenken und verschränken. Das Schöne am Internet ist, dass jeder seine Gedanken an die Welt verschenken kann. Ob es jemand gibt, der dieses Geschenk annehmen möchte weiß niemand im Voraus. Aber verschenken und verschränken (also Menschen und Gedanken zusammen zu bringen), das ist doch eigentlich genau das, worum es im Internet geht, oder nicht? So, das war schon die Erklärung. Vielleicht fällt mir irgendwann ja noch ein besserer Name ein. Denn man könnte vielleicht auch an beschränkt denken bei dem Wort, oder an einschränken…und das wäre ganz und gar nicht im Sinne des Gemeinten. Aber vorerst fällt mir glaube ich einfach nichts besseres ein 😉 Vorschläge sind jederzeit herzlich willkommen…..

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Das PR-Disaster der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Wer mal wieder ein Beispiel für ein richtiges Social-Media-PR-Disaster sehen will, sollte sich die Facebook-Seiten der Initiative Soziale Marktwirtschaft ansehen (https://www.facebook.com/Marktwirtschaft?fref=ts), besonders die Diskussionen um TTIP und Co. Da sitzen anscheinend PR-Leute, die sich auf einem Feldzug befinden, Nutzer ironisch abkanzeln, mit den immer gleichen nichtssagenden Informationen antworten und glauben, das sei glaubwürdige Kommunikation. Besonders lustig ist es an Sonntagen, denn da bezahlen sie offensichtlich niemanden dafür, den Leuten zu antworten und die können endlich mal ganz unter sich diskutieren (übrigens in aller Regel recht zivilisiert und mit guten Argumenten).

Was ich mich bei so etwas immer frage ist, ob die PR-Leute, die da sitzen bzw. die Leute, die diese eingestellt haben oder beauftragen, wirklich daran glauben, dass sie auf diese Weise wirklich etwas bewirken… außer das genaue Gegenteil. Offensichtlich können oder wollen sie tatsächlich nicht zur Kenntnis nehmen, was sie dort anrichten. Vielmehr fühlen sie sich ganz offensichtlich im Recht, und statt einzusehen, dass es besser wäre, den geordneten Rückzug anzutreten, machen sie sogar noch weiter und versteigen sich immer mehr.

Abgesehen von diesem extremen Negativ-Beispiel (ein paar andere würden einem ach noch einfallen, etwa die Seite der Bundesregierung) wirkt es übrigens auch sonst in vielen Fällen alles andere sympathisch, auf facebook als Institution zu kommunizieren. Man kann keinen Dialog mit einer Marke haben, genau genommen kann man noch nicht mal mit einem Unternehmen einen Dialog haben. Man wäre ja schon sehr froh, wenn man immer eine ordentliche Antwort auf geschäftliche E-Mails oder Beschwerden bekäme. Und man sollte sich als Institution vor allem nicht ständig in alles einmischen und kommentieren. Brandeins zum Beispiel macht wunderschöne Posts auf Facebook, die ich gerne teile. Aber ich möchte einfach nicht auf jeden Kommentar von mir eine Antwort von deren Online-Redaktion lesen (egal ob zustimmend oder ablehnend). Man möchte eigentlich in Kommunikation mit anderen Lesern treten, aber genau die wird dadurch verhindert.

Auch die dazugehörige PR-Kampagne “das Deutschlandprinzip” der Initiative NSM könnte Studenten als abschreckendes Beispiel dafür dienen, wie man so etwas genau NICHT machen sollte (Lauter Männer, die üblichen Lobbyisten-Nasen und die eine Quotenfrau – Suckale natürlich) mit ein paar neoliberalen Schlagwörtern (“Regulierung abschaffen, Bürokratie abschaffen – warum sie dann etwa für ein Bürokratiemonster wie CETA mit tausenden von bedruckten Seiten eintreten wird für immer ihr Geheimnis bleiben). Wenn man sich überlegt, wie viel Geld für so eine Kampagne ausgegeben wird und was man dafür sinnvolleres hätte tun können…schon tragisch. Es ist offenkundig, warum Berater ihre Auftraggeber nur selten vor solchem Unfug bewahren bzw. ihnen genau einen solchen Unfug liefern. Es würden ihnen einfach ein Millionen-Auftrag flöten gehen. Oder – in den allermeisten Fällen – die PR-Berater glauben einfach selber an das was sie tun. Wie kann das sein?

Die amerikanisch Soziologin Mary Douglas hat mit Referenz auf die Arbeiten von Ludwig Fleck sehr schön beschrieben, wie unmerklich Institutionen unser Denken prägen (“Wie Institutionen denken” ). Wer auf die genannte Frage eine Antwort sucht (und auf eine ganze Reihe von anderen Fragen nach dem Verhalten von Managern und Politikern und wie dies zu erklären ist), wird in diesem Buch mit Sicherheit fündig werden:
“The individual within the collective is never, or hardly ever, conscious of the prevailing thought style which almost always exerts an absolutely compulsive force upon his thinking, and with which it is not possible to be at variance. (Fleck 1935, S. 41, zit, nach Douglas, S. 13)

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Management by Objectives

Peter Drucker der “Erfinder” des Management by Objectives (Management per Zielvereinbarung hat in seinem Buch “The Practice of Management” (1954) mal gesagt: “Management by Objectives (Managen per Zielvereinbarung) ist nur ein weiteres Tool, mehr nicht. Es ist nicht die magische Kur für Managementineffizienz. Es funktioniert, wenn die Ziele bekannt sind. In 90 Prozent der Fälle ist das nicht der Fall.”

Man muss sehen, in welcher Zeit das erfunden wurde, in einer Comand-and-Control-Kultur, also Organisationen noch streng nach Befehl und Gehorsam geführt wurden. Damals war es visionär als ein Mittel, das zum ersten Mal so etwas Partizipation ermöglichte. Aber ich glaube viele Managementtheoretiker und -praktiker haben den Mann völlig falsch verstanden oder wollten ihn auch falsch verstehen. Das Ergebnis ist bekannt…..monströse bürokratische Systeme die einen großen Teil der Mitarbeiter demotivieren und ihre Zweck nicht erfüllen (außer dem dem, ein pseudogerechtes System für die Verteilung für Boni zu schaffen).

Das wirklich wichtige (Mitarbeitergespräch, Entwicklung, Vertrauen) gerät dabei oft völlig in den Hintergrund. Dass diese Systeme jemals wieder abgeschafft würde braucht leider trotzdem niemand zu hoffen….statt dessen wird alles nur noch monströser.

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Moskau – Ein Reisebericht

Sehr guter Blog überr Russland, und dringend notwendig, da uns die Medien leider nicht mehr richtig informieren. Großartiges Zitat: “Wir sind wieder was als Deutsche, lächerlich nämlich. Lächerlich und gefährlich sind wir in unserer Ignoranz und Blödheit. Unsere Medienlandschaft ist ein Desaster gerade angesichts eines Landes wie Russland, auf das wir nur allzu bereit sind hinunter zu gucken. Es gibt in Russland einseitige Berichte, die den Namen Propaganda verdienen mögen, aber es gibt eben auch eine Vielzahl anderer Positionen, die Raum finden. Genau diese Pluralität besitzt die deutsche Medienlandschaft eben nicht. Aus diesem Grund weiß ich auch genau zu beurteilen, welche Nation unter der Glocke umfassender Propaganda hockt. Die Russen sind es nicht.” Dasselbe gilt leider für die deutsche Berichterstattung über viele andere Länder. Es ist so traurig.

Der Vorlauf zu meinem Besuch im Moskau begann schon 2013. Am 31.08.2013 um genau zu sein. An diesem Tag versammelten sich tausende Demonstranten vor der Russischen Botschaft in Berlin um gegen ein Gesetz zu protestieren, das unter dem Schlagwort Homophobie-Gesetz die deutsche und westliche Öffentlichkeit empörte. Ich hatte mich auch empören lassen und lief mit.
Eine ausgesprochene Dummheit, für die ich mich heute schäme. Ich schäme mich deshalb, weil ich all das, was ich im Nachklang der Demonstration an Recherche unternahm, vorher hätte unternehmen sollen. Hätte ich es getan, wäre ich nicht hingegangen.  Doch immerhin war das der Tag, an dem Russland überhaupt wieder in meinen Gesichtskreis rückte.
Aus diesem war es unbemerkt Mitte der neunziger Jahre verschwunden. Unter Gorbatschow war ich euphorisch, glaubte an Annäherung und Zusammenarbeit, unter Jelzin wollte ich meine Ausgabe von Marx’ “Das Kapital” ins Antiquariat bringen. Dann war es still. Manchmal plätscherte es noch ein…

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Die Lebenswelt von Jugendlichen vietnamesischer Herkunft in der zweiten Generation

Mein Sohn hat eine Facharbeit geschrieben die ein sehr aktuelles Thema behandelt weswegen es schade wäre, wenn sie in der Schublade vergammelt. Sie handelt von Menschen mit so genanntem Migrationshintergrund aus Vietnam. Vietnamesen in Wetdeutschland gelten in aller Regel als bestens integriert, erreichen in der zweiten Generation häufig ein Studium usw. In Ostdeutschland dagegen hatten die vietnamesischen Wanderarbeiter aufgrund der schlechten Bedingungen unter denen sie dort leben mussten, insbesondere nach der Wende wodurch ihr Status vollends unsicher wurde bei der Bevölkerung ein extrem schlechte Image und waren etwa in Rostock-Lichtenhagen fürchterlichen rassistischen Pogromen ausgesetzt. Das Beispiel zeigt, dass der kulturelle Hintergrund eines Menschens kaum der alleinige Grund ist für Erfolg oder Mißerfolg bei der Integration sondern dass es sehr wohl darauf ankommt, wie Menschen aufgenommen und gesehen werden und welche Chance man ihnen gibt. Die Arbeit zeigt auch sehr schön, dass es höchst einseitig ist ist, alles nur unter der Brille Integration zu betrachten. Kultur hat viel mehr interessante Aspekte und Menschen aus anderen Kulturen haben uns vieles beizubringen, über sich, über ihre Länder, aber vor allem auch über uns.´selber….

Thema:

Die Lebenswelt von Jugendlichen vietnamesischer Herkunft in der zweiten Generation unter der besonderen Berücksichtigung der Schüler am Goethe Gymnasium Germersheim

„Um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft richtig einzuschätzen müssen wir genügend wissen. Genügend bedeutet, ein Gespür für die Geschichte von Menschen zu haben.“

(Lee Kuan Yew, weltweit geachteter Staatsmann, führte Singapur von der Unabhängigkeit zu einer der erfolgreichsten asiatischen Nationen)

Verfasser: Simon Hegele

Fachlehrer: Andreas Britz

Schuljahr: 2013/2014

Kuhardt, den 16.06.2014

Inhalt

  1. Einleitung. 3
  2. Theoretische Grundlagen. 5

2.1        Die jüngere Geschichte Vietnams. 5

2.2        Die Boat People. 5

2.3        Wie sich die Vietnamesen in Deutschland zurecht fanden. 7

2.4        Das Schicksal der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der  ehemaligen DDR. 8

2.5        Methodik. 9

  1. Auswertung. 9

3.1        Herkunft/Kulturelle Identität laut Selbstauskunft 10

3.2        Sprachkenntnisse. 11

3.3        Religion. 12

3.4        Verhältnis zu Familie. 13

3.5        Bildungsverlauf 14

3.6        Diskriminierungserfahrungen. 15

3.7        Wissen über vietnamesische Kultur/Geschichte/Politik. 15

3.8        Wünsche für die Zukunft 16

  1. Fazit 16
  2. Literaturverzeichnis. 18
  3. Quellen im Internet 18
  4. Kulturvergleich Deutschland-Vietnam nach Hofstede. 19
  5. Interviews. 22

 

1.    Einleitung

In der vorliegenden Facharbeit möchte ich mich mit der Geschichte, dem kulturellen, politischen und per­sönlichen Hintergrund meiner Mitschüler vietnamesischer Herkunft am Goethe Gymnasium Germersheim beschäftigen. Insgesamt leben heute an die 110.000 Vietnamesen in Deutschland[1], davon rund 50.000 Boots­flüchtlinge, die Ende der 1970er und in den 1980er Jahren nach Deutschland kamen, aber auch Kin­der vietnamesischer Vertragsarbeiter aus der ehemaligen DDR und solche, die später nach Deutschland einwanderten. Ich begann mich für die Geschichte Vietnams, den Vietnamkrieg zu interessieren und stieß dabei unter anderem auch auf eine Facharbeit von To Yen Ninh (2009/2010), die über die Erfahrungen ihres Großvaters im Vietnamkrieg berichtete, sowie auf einige Bücher und Internetressourcen. Anhand dieser Bücher habe ich mir ein Hintergrundwissen über das Schicksal der vietnamesischen Migranten, ihre politischen und kulturellen Hintergründe, erarbeitet und darauf aufbauend eigene Interviews geführt und ausgewertet.

„Es gibt kein größeres Leid auf Erden als den Verlust der Heimat“. Diese Aussage machte der griechische Dichter Euripides bereits 431 v. Chr. und sie ist heute aktueller denn je. Opitz (2001) bezeichnete das 20. Jahrhundert als das ‚Jahrhundert der Flüchtlinge’, die Zahlen erreichen auch im 21. Jahrhundert jedes Jahr Höchststände. Weltweit verlassen immer mehr Menschen ihre Heimat infolge von Kriegen und gewaltsa­men Konflikten, aus politischen Gründen oder in Ermangelung einer Überlebensperspektive in ihrer Hei­mat, wie etwa aktuell Millionen Flüchtlinge aus Syrien und Irak. In Zukunft ist aufgrund fortdauernder politischer und wirtschaftlicher Instabilitäten und des Klimawandels mit einer weiteren Verschärfung der Flüchtlingsproblematik zu rechnen. Gleichzeitig geraten die westlichen Länder scheinbar oder tatsächlich an die Grenzen ihrer Integrationsfähigkeit bzw. -willigkeit.

Vor diesem Hintergrund mag es auf den ersten Blick nicht sehr drängend erscheinen, sich ausgerechnet mit einer Gruppe von Schülern mit „Migrationshintergrund“ zu beschäftigen, die als eine der erfolgreichsten Einwanderergruppen überhaupt gilt. Warum sollte man sich (noch) für die Migranten interessieren, deren Kinder meist perfekt Deutsch sprechen, in der Schule, im Studium und im Beruf in aller Regel zu den Besten gehören und den „deutschen“ Vorstellungen von Fleiß und Tugend in geradezu vorbildlichem Maße entsprechen, sie oft sogar übertreffen? Ich möchte in meiner Arbeit zeigen, warum es dennoch aus den verschiedensten Gründen hochinteressant ist, sich gerade mit dieser Migrantengruppe zu beschäftigen:

  1. Integration ist möglicherweise nicht zwangsläufig ein Schutz vor Ressentiments: Ein Hinweis da­rauf, wie dünn die Decke von Akzeptanz und Toleranz selbst bei perfekt integrierten Menschen mit „Migrationshintergrund“ in Deutschland mitunter sein kann, gab im Jahr 2013 eine Diskussion um den damaligen FDP-Parteichef Philip Rösler, der aus Vietnam stammt und bei deutschen Adoptivel­tern aufwuchs[2]. Jörg-Uwe Hahn, damals Vize-Ministerpräsident und Integrationsminister in Hessen, hatte die gesellschaftliche Akzeptanz eines „asiatisch aussehenden Vizekanzlers“ in ei­nem Interview mit der „Frankfurter Neuen Presse“ in Frage gestellt und mit seinen Äußerungen ei­nen Sturm der Ent­rüstung entfacht. Der Vorsitzende der Jungen Liberalen, Lasse Becker, „vertei­digte“ Hahn indem er darauf hinwies, dass rassistische Äußerungen gegen den aus Vietnam stam­menden Rösler keine Sel­tenheit seien: „Ich bekomme (…) zu hören: Ich würde Euch ja wählen, aber dafür müsste erst einmal der Chinese weg“. Dies ist insofern tragisch, als dies der Annahme widersprechen würde, dass erfolg­reiche Integration und Anpassung von Ausländern „von allein“ zum Verschwinden von Fremden­feindlichkeit führt.[3]
  1. Integration kann sehr verschieden verlaufen: Während die Integration der Vietnamesen in West­deutschland, jedenfalls gemessen am Bildungserfolg, als „optimal“ gelten kann, ist die Integ­ration der ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter im Gebiet der ehemaligen DDR vielfach enttäuschend verlaufen. Aus der Tatsache, dass die Integration derselben Volksgruppe einen so unterschiedlichen Weg nehmen kann, lassen sich interessante Rückschlüsse ziehen, was erfolgrei­che Integrationspolitik bewirken kann.
  1. Integration ist nur eine (verkürzende) Sicht: Wenn in Deutschland über Bürger mit sogenann­tem „Migrationshintergrund“ gesprochen wird, dann sind damit in der Regel solche gemeint, bei denen ein „Integrationsproblem“ vermutet wird. Das Thema Migration wird eigentlich fast aus­schließlich mit der Brille „Integration“ betrachtet. Bundespräsident Joachim Gauck hat die Deut­schen aufgerufen, Chan­cen der Einwanderung zu nutzen und Schwierigkeiten zugleich offen zu dis­kutieren[4]. Mit Schwie­rigkeiten meinte Gauck wohl „Schwierigkeiten aus Sicht der deutschen Ge­sellschaft“. In Hin­blick auf die westdeutschen Boat people traten solche „Integrationsschwie­rigkeiten“ nach außen hin so gut wie nicht auf. Die empirischen Untersuchungen zeigen allerdings, dass es für alle vietnamesi­schen Migranten, auch die Boat people, die eigentlich beste Bedingun­gen hatten, sehr schwer war in Deutschland Fuß zu fassen, sie aufgrund ihrer zurückhaltenden Art aber kaum offen darüber sprechen würden. Mehr über diese Schwierigkeiten bei der Anpassung dieser eigentlich so erfolgreichen Ein­wanderergruppe an die deutsche Kultur zu erfahren, wäre insbesondere auch vor dem wirtschaftspoli­tischen Hintergrund von Interesse, dass wir auf Grund des Fachkräftemangels in Zukunft darauf an­gewiesen sein werden, ausländische hochqualifizierte Arbeitskräfte anzuwerben, speziell aus dem südostasiatischem Raum. Diese Menschen werden al­lerdings nur kommen, wenn sie sich hier will­kommen fühlen.
  1. Integration muss nicht immer nur „positiv“ wirken: Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat Entrüstung ausgelöst mit der Aussage, Assimilation sei für Bürger türkischer Herkunft nicht erstre­benswert.[5] Forscher und Integrationsexperten haben vor einiger Zeit entdeckt, dass es wichtig ist, die Herkunftskultur zu bewahren und oft wird auch durchaus versucht, diese Erkenntnisse um­zusetzen, etwa durch das Angebot von Sprachunterricht in der Muttersprache, Kulturangebote, Be­gegnungs­zentren etc. (vgl. Beth/Tuckermann 2008). Die insofern gar nicht zu bestreitende Aus­sage Erdogans wurde vermutlich nur deshalb mit Empörung aufgenommen, weil er sich auch um die Integration tür­kischer Mitbürger kaum verdient gemacht hat. Da die (westdeutschen) Vietna­mesen bislang als das klassische Beispiel für gelungene Integration galten, wurde nach ihrer ei­gentlichen kulturellen Identi­tät bisher kaum gefragt. Hier zeigt sich vielmehr eher ein ganz anderes Problem mit umgekehrten Vorzeichen: Integration bei den Nachkommen der boat people bedeutet häufig eher ein allmähliches Absacken von häufig überdurchschnittlichen Noten auf das Durch­schnittsniveau deutscher Schüler, des Weiteren teilweise ernste, unterschwellige Konflikte in der Familie, etwa weil sich der Nach­wuchs manchmal zu „deutsch“ zu verhalten beginnt. Beides wird, da es nicht nach außen hin sichtbar wird, auch nicht als Integrationsproblem gesehen. Es zeigt in­sofern eine gewisse Schwäche des Integ­rationsbegriffs, der möglicherweise zu überdenken ist (siehe auch weiter unten).
  1. Die Langzeitfolgen von Flucht sind noch weitgehend unerforscht: Trotz bester „Integration“ ist anzunehmen, dass die Traumata einer Flucht und Krieg lange nachwirken (Bode 2004/2009) . „Die Rolle, die Kriegstraumatisierungen in diesem Zusammenhang spielen und Menschen unter Umständen von einer Rückkehr in ihr Heimatland abhalten, ist bis heute ungeklärt.“ (von Lersner 2008, S. 2). Ich hatte zu­nächst geplant, immer sowohl die Schüler als auch deren Eltern zu interviewen, um die je­weiligen Sichtweisen miteinander abzugleichen. Allerdings war kein Elternteil dazu bereit, mit mir zu spre­chen. Dies mag an der „typisch“ vietnamesischen oder asiatischen Angst vor „Gesichtsver­lust“ liegen, möglicherweise aber auch daran, dass die Eltern nicht gerne über die Zeit der Flucht beziehungsweise die schwierigen Anfänge in Deutschland sprechen möchten.

Meine Arbeit ist wie folgt gegliedert. In Abschnitt 2.1. schildere ich die Vietnamesische Geschichte und in Abschnitt 2.2. wende ich mich den Umständen der Flucht zu. In Abschnitt 2.3 gehe ich kurz auf die sehr verschiedene Situation der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der ehemaligen DDR ein bevor ich in Ab­schnitt 2.4. den Verlauf der Integration vietnamesischer Flüchtlinge bzw. Vertragsarbeiter schildere, so wie bisher schon erforscht. In Abschnitt 3 gehe ich auf einzelne Themenschwerpunkte näher ein und werte dabei auch teilstrukturierte Interviews aus, die ich mit 3 Schülern mit vietnamesischem Hintergrund ge­führt habe. Ein Fazit rundet die Arbeit ab.

2.    Theoretische Grundlagen

2.1Die jüngere Geschichte Vietnams

Ab 1860 stand Vietnam unter der Herrschaft Frankreichs (vgl. Baumann 2000, S.29) und gehörte wie seine Anrainerländer Laos und Kambodscha zur Kolonie Indochina. 1941 wurde Vietnam jedoch von Truppen des Kaiserreichs Japan besetzt. Nach der Niederlage Japans im 2. Weltkrieg und dem Abzug der japanischen Truppen aus Indochina kam es am 2. September 1945 in Hanoi im Norden Vietnams zur Errichtung der „Demokratischen Republik Vietnam“. Diese forderte unter ihrem Präsidenten Ho Chi Minh, dem Gründer und Führer der kommunistisch ausgerichteten „Liga für die Unabhängigkeit Vietnams“, des Vietminh, die unein­geschränkte Souveränität für ganz Vietnam und rief damit einen militärischen Konflikt mit Frankreich hervor, das seine Kolonialherrschaft in Indochina wiederherstellen wollte. Im Indochinakrieg (1946-1954) gelang es den Vietminh die Franzosen zu stoppen und den Krieg zu beenden. Auf Beschluss der Indochinakonferenz (26.04.-20.07.1954) wurde Vietnam geteilt. Der 17. Breitengrad trennte den von Kommunisten regierten DRV im Norden von der Konstitutionellen Monarchie der Republik Vietnam (RV) im Süden. Nach einer freien Wahl sollte Vietnam wiedervereinigt werden, welche allerdings von der Regierung der RV unter Ngô Đình Diệm auch unter dem Druck der Vereinigten Staaten von Amerika blockiert wurde. Man fürchtete einen Wahlsieg der Kommunisten. Die National Liberation Front des Norden, eher als Viêt Công bekannt, begann einen Bürgerkrieg, mit indirekter Unterstützung der DRV, um die Regierung der RV zu stürzen und das Land zu vereinen. Dieser führte in den Vietnamkrieg (1955-1975). Da darin die Sowjetunion und die Volksrepublik China den Norden durch Waffenlieferung und Hilfstruppen unterstützte und die USA den Süden, wird der Vietnamkrieg als Stellvertreterkrieg des Kalten Krieg gesehen.[6] Die USA nutzten den Vietnamkrieg außerdem dazu, eine Reihe neuer Waffensysteme zu testen (Spiegel-a 2014, S. 43). Dass der Krieg 9 Jahre dauern und mit einer Niederlage der USA enden würde, hatten diese wohl kaum geahnt.[7]

Der Krieg endete am 1.Mai mit der Eroberung Saigons durch den kommunistischen Norden. Nach Schätzun­gen kamen bis zu vier Millionen Menschen während des Krieges zu Tode. Insgesamt warfen die USA sieben Millionen Tonnen Bomben und Artilleriegranaten – fast viermal so viel wie an allen Fronten des zweiten Weltkriegs gezündet wurden, insbesondere das giftige Entlaubungsmittel Agent Orange und Napalm richteten verheerenden Schaden an. Noch heute werden jährlich tausende missgebildete Kinder geboren, mehr als 10 Prozent des fruchtbaren Ackerlandes wurde zerstört.

2.2Die Boat People

Die meisten Menschen flohen allerdings nicht während des Vietnamkrieges sondern infolge der kommunisti­schen Schreckensherrschaft, die anschließend in Südvietnam errichtet wurde. Die siegreiche kommunistische Regierung beendete die Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit, um das Volk zu kontrollieren und gefügig zu machen. Sie raubte den Südvietnamesen deren Besitz und nahm vielen Menschen den Arbeitsplatz, um sie durch Nordvietnamesen zu ersetzen. Südvietnamesische Soldaten wurden als Kriegsverbrecher bezeichnet und mit südvietnamesischen Beamten, Lehrern, Akademikern, Priestern und Mönchen und anderen, die mögli­cherweise Widerstand hätten leisten können in ,,Umerziehungslager“ (Arbeitslagern, vergleichbar mit den Konzentrationslagern im nationalsozialistischen Deutschland) gesteckt. Hunderttausende sind in diesen Gefängnissen gefoltert worden und umgekommen. Als Krieg zwischen den neukommunistischen Staaten Vietnam und Kambodscha ausbrach, wurden junge Männer zwangsverpflichtet. Aufgrund dieser drückenden Freiheitseinschränkungen beschlossen rund 1,5 Millionen Menschen, Leid und Tod in Kauf zu nehmen und die Flucht zu ergreifen (Beth/Tuckermann 2008, S.195-196).

In Gruppen verließen die Menschen das Land mit Booten und kleinen Kähnen, wobei sie häufig mit ihrem letzten Geld für die Fluchthelfer bezahlten. Die Boote waren meist schlecht ausgestattet, oft nicht seetaug­lich und führten kaum Vorräte und Trinkwasser mit. Viele Boote gerieten in die Hände von Patrouillen der Sozialistischen Republik Vietnam und die Flüchtlinge in Arbeitshaft in einem Umerziehungslager. Oder sie wurden von malaiischen oder thailändischen Piraten gekapert und ausgeraubt. Vielfach wurden die Menschen bei diesen Überfällen getötet oder entführt, Frauen vergewaltigt. Unzählige Boote kenterten, viele sind auf offener See verhungert und verdurstet.

Wer die Fahrt übers Meer überstanden hatte und an den Küsten von Hongkong, Thailand, Singapur, Indo­nesien oder Malaysia gestrandet war, sah einer neuen, bitteren Realität ins Auge: Nirgends waren die Flüchtlinge willkommen. Die Bewohner der überbevölkerten Staaten in Südostasien internierten die unge­betenen Gäste in mit Stacheldraht umzäunte Flüchtlingslager, steinigten die Neuankömmlinge am Strand oder schickten sie umgehend gleich zurück auf See. Wie viele Vietnamesen auf der Flucht im Südchinesi­schen Meer umkamen, ist nicht geklärt. Schätzungen gehen von 400.000 bis 500.000 Flüchtlingen aus (vgl. Baumann 2000, S.30; Beuchling 2001, S. 50). Manche schätzen, dass nur 10 Prozent der Flüchtlinge über­haupt überlebten, und dass von diesen nur etwa 1 Prozent keine Drangsalierungen und Übergriffe erleben mussten.

Es waren die ergreifenden Bilder in den Medien, welche schließlich auf die Flüchtlingsproblematik auf­merksam machten. Die Bilder von der heimatlos auf dem Meer dümpelnden „Hai Hong“ erreichten in der Vorweihnachtszeit 1978 die Wohnzimmer der westlichen Industriestaaten. Nach wochenlanger Irrfahrt erreichte das Schiff die malaysische Küste. Doch die Regierung ließ die Südvietnamesen nicht von Bord, sondern schickte das Schiff zurück aufs Meer. Nicht einmal Wasser, Nahrung oder Medizin gewährte man den Flüchtlingen, die unter zerfetzten Planen Schutz vor der brennenden Sonne suchten. Die Weltöffent­lichkeit war erschüttert – und bald auch zur Hilfe bereit. Mit seinem couragierten Vorstoß, zunächst 1.000 Bootsflüchtlinge – davon 644 von der „Hai Hong“ – nach Niedersachsen zu holen, machte der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht den Anfang. Andere Nationen folgten seinem Beispiel. Wer in welches Land ausreisen durfte, darüber entschied das Los.

Bemerkenswert ist der von dem Journalisten Rupert Neudeck, dessen Frau und einer Reihe von Prominen­ten initiierte und aus Spendengeldern finanzierte Einsatz der berühmten Cap Anamur. Die Mannschaft dieses zu einem Lazarett umgebauten Containerschiffes versuchte, den Einfluss der Piraten einzudämmen und rettete bis 1986 mehr als 10.000 Menschen. Währenddessen betrachtete die Bundesregierung die Akti­vitäten Neudecks kritisch. Auch die vietnamesische Staatsführung warf Neudeck vor, dass erst die Anwe­senheit des Bootes die Vietnamesen zur Flucht animieren würde (was aber eindeutig nicht der Fall war). Neudeck wollte die Flüchtlinge nicht nur retten, sondern auch erreichen, dass sie in Deutschland ein neues Leben beginnen können. Auf Druck der Öffentlichkeit entschloss sich die deutsche Regierung zu einem Kompromiss: Denjenigen Flüchtlingen, die direkt von der Cap Anamur aufgenommen wurden, sollte Asyl gewährt werden[8]. Im Juli 1982 beschloss die deutsche Regierung einen Aufnahmestopp. Durch den starken Rückhalt in der deutschen Bevölkerung, die weiter mit ihren Spenden diese Aktion unterstützte, sowie durch von Prominenten unterstützte, öffentliche Proteste, wurde erreicht, dass die Rettungsaktion noch bis 1986 fortgeführt werden konnte. Die meisten der von der Cap Anamur geretteten Flüchtlinge leben noch heute in Deutschland. Sie verbinden mit diesem Namen Hoffnung, Rettung und Menschlichkeit.[9] Rund 40 ergreifende Geschichten von den Schicksalen der Flüchtlinge sind nachzulesen in dem Buch „Flucht über den Ozean des Ostens“ (2009), eine Initiative des Projektes www.unser-vietnam.de. Das Projekt hat diese Geschichten gesammelt, teils um die Erinnerung daran zu bewahren, teils aus Dankbarkeit gegenüber den deutschen Rettern.

2.3Wie sich die Vietnamesen in Deutschland zurecht fanden

Auch wenn ihre Einzelschicksale höchst verschieden sind, lässt sich für die Gruppe der Vietnamesen als Ganzes sagen, dass sie, vor allem gemessen am Bildungserfolg, eine ungemein erfolgreiche Einwanderer­gruppe darstellen. Der ehemalige Wirtschaftsminister Philipp Rösler ist nur ein Beispiel. Der Erfolg lässt sich an vielen Zahlen festmachen (vgl. Beuchling 2003): Mehr als die Hälfte der Kinder schaffen es in Mecklenburg-Vorpommern aufs Gymnasium, in Thüringen zählt man sogar fast 63 Prozent pro Jahrgang – deutlich mehr als im Durchschnitt aller Kinder. Auch beim größten Stipendienprogramm für Schüler aus Zuwandererfamilien („Start“), sind Vietnamesen weit überdurchschnittlich vertreten.

„Viele Vietnamesen sind als Ärzte, Ingenieure, Bankkaufleute oder Büroangestellte, Erzieherin­nen, Arzthelfer, Krankenpfleger etc. oder als Facharbeiter und Techniker in den verschiedensten Branchen der Industrie und der Wirtschaft tätig. Oder sie sind sehr erfolgreiche Unternehmer. Mit der heranwachsenden zweiten Generation nimmt die Zahl der Beschäftigten bei körperlicher Arbeit drastisch ab und die Zahl der Akademiker, Experten und Techniker zu“ (Tang 1996, S. 92, zit. nach Baumann 2000, S. 40).

Insgesamt werden folgende Faktoren für den Integrationsverlauf verantwortlich gemacht:

  1. Demografie und Wertschätzung von Bildung: Zumindest bei der ersten Flüchtlingswelle der boat people handelte es sich in aller Regel um Angehörige der Ober- und Mittelschicht mit ho­hem Bil­dungsniveau oder einer chinesischen Volksgruppe, die nach Ende des Kriegs systema­tisch vertrie­ben wurde und die zuvor meist als Händler tätig gewesen war. Auch wenn diese Menschen auf­grund von Sprachproblemen und der mangelnden Anerkennung ihrer Abschlüsse nicht gleich wie­der auf ihrem ursprünglichen Qualifikationsniveau arbeiten konnten, fanden sich die meisten rela­tiv bald schnell zurecht und förderten vor allem auch das Vorankommen ihrer Kinder (siehe auch weiter unten).
  1. Kompatibilität der Kulturen: Baumann (2000) meint, dass die Vietnamesen in Hinblick auf Ar­beitsethos und Arbeitsauffassung ein hohes Maß an gesellschaftlicher Kompatibilität zu „deutschen“ Werten mitbrächten: „In Deutschland wurden Vietnamesen bald als pflichtbe­wusst, einsatzfreudig und stets freundlich geschätzt. Mitarbeiter, die lernwillig, gehorsam und fleißig die ihnen zugeteilten Aufgaben verrichteten.“ (Baumann 2000, S. 40). Diese wahrge­nommene Kompatibilität verdeckt allerdings zum Teil die teilweise doch bestehen­den kulturel­len Unterschiede (zur „Kompatibilität“ der vietnamesischen und deutschen Kultur siehe auch den Vergleich von Hofstede im Anhang, S. 19ff.).

 

  1. Sehr gute Integrationsvoraussetzungen: Zweifellos hatten die Bootsflüchtlinge die beste Unter­stützung bei der Integration. Ihnen wurden wohlwollend und großzügig geholfen von Staat und Kommunen, Gemeinden, Privatleuten, Wohlfahrtsverbänden und den Schulen. Viele Lehrer setzten sich ganz besonders für die vietnamesischen Flüchtlingskinder ein – nicht selten gaben sie ihnen sogar in ihrer Freizeit Nachhilfeunterricht (Beuchling 2003, S. 113 ff.).

„Sie wurden so wie die Deutschen behandelt, und wenn sie nicht arbeiten konnten, haben sie So­zialhilfe bekommen. So gesehen hatten sie also keine finanziellen Probleme. Damals gab es für die Integrationsmaßnahmen auch genug Möglichkeiten – da sind ganze Familien gekommen, also die Leute, die da waren, konnten ihre Eltern, Großeltern, Geschwister, Onkel, Tante, die ganze Sippe nachkommen lassen, weil geglaubt wurde, Integration kann nur gelingen, wenn die ganze Familie da ist (…) Ja, und damals, 1980, gab es in Westdeutschland eine blühende Wirt­schaft. Arbeitskräfte wurden gebraucht. Die boat people haben sofort Arbeit bekommen. Die konnten die Arbeitsstellen wechseln, wie sie wollten, also wenn ihnen eine Arbeit nicht gefiel, haben sie sich eine andere gesucht und sofort eine neue gefunden. Die Integration ist auch des­halb ziemlich schnell gelungen, weil so viele Deutsche ihre Patenschaft angeboten haben und so viele Initiativen eingesprungen sind, um die Flüchtlinge zu unterstützen. Die Leute haben also schnell Arbeit und eine Wohnung gefunden, was sehr wichtig ist für die Integration. Schon nach einem Jahr wohnten sie nicht mehr in den Heimen, ihre Kinder waren sehr gut in der Schule – und so gelingt Integration.“ Thuy Nonnenmann, Mitglied der Härtefallkommission im Migrati­onsrat Berlin-Brandenburg e.V., zit. nach Beth/Tuckermann, S. 17)

Um wie viel schlechter es laufen kann, wenn solche optimalen Bedingungen nicht gegeben sind, zeigt das Beispiel der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der ehemaligen DDR.

2.4Das Schicksal der vietnamesischen Vertragsarbeiter in der
ehemaligen DDR

Vietnamesen waren auch eine der wenigen Zuwanderer-Gemeinden, die in der Deutschen Demokratischen Republik lebten. Schon in den 1950er-Jahren wurden Studenten aus Nordvietnam in die DDR eingeladen, ab 1973 wurde die Kooperation zwischen den beiden Staaten weiter ausgebaut und etwa 10.000 Vietname­sen, meist Angehörige der sozialen Oberschicht, wurden in Ostdeutschland ausgebildet. Nach der Grün­dung der Sozialistischen Republik Vietnam wurden schließlich auch Menschen aus ganz Vietnam in die DDR eingeladen, die damals als besonders fortschrittlicher kommunistischer Staat galt. Vor allem kamen tausende von Vertragsarbeitern, die als billige Arbeitskräfte ins Land geholt wurden. Bis 1989 stieg deren Zahl auf fast 80.000 an. Es wurde allerdings alles dazu getan, dass diese nicht in der DDR heimisch wur­den (vgl. Beth/Tuckermann 2008, S. 18). Sie hausten in separaten, streng nach Geschlechtern getrennten und kontrollierten Wohnheimen und arbeiteten auf schmutzigen, gefährlichen Arbeitsplätzen, für die keine Ausbildung und Sprachkenntnisse erforderlich waren. Arbeiterinnen mussten ihre Männer und Kinder da­heim lassen. Frauen, die schwanger wurden, wurden entweder zur Abtreibung gedrängt oder nach Vietnam abgeschoben. Vertragsarbeiter konnten jederzeit, und zwar ohne Begründung, wieder ausgewiesen werden, etwa wenn sie angeblich gegen Gesetze verstoßen hatten oder zu langsam arbeiteten. Grundsätzlich wur­den alle nach vier, spätestens fünf Jahren wieder zurück geschickt.

Nach der deutschen Wiedervereinigung verloren die meisten dieser Vertragsarbeiter nicht nur ihre Arbeit, sondern zunächst war auch ihre Aufenthaltserlaubnis ungeklärt. Sie konnten sich nur mit schlecht bezahl­ten Gelegenheitsjobs, kleinen Restaurants oder Läden mehr schlecht als recht über Wasser halten, ein klei­ner Teil von ihnen wich auf illegale Geschäfte aus, etwa den illegalen Zigarettenschmuggel, der den Vietnamesen ein sehr schlechtes Image einbrachte. Zunächst waren sie in der DDR nicht unbeliebt gewesen, weil sie als arbeitswillig, fleißig, freundlich und unauffällig galten. Allerdings waren schon vor der Wende wachsende Ressentiments entstanden. So wurde den Vietnamesen zum Beispiel vorge­worfen, sie würden die „Läden leer kaufen“ (Beth/Tuckermann 2008, S. 209), da es ihnen erlaubt war, in bestimmten Zeitabständen Waren nach Hause zu schicken. Die Bundesregierung bot den damals in Ostdeutschland lebenden Vietnamesen an, die Kosten für eine Rückreise in ihre Heimat zu übernehmen, dennoch entschied sich der Großteil von ihnen zu bleiben. Bis heute kommt es immer wieder zu Diskrimi­nierungen von Vietnamesen, der bekannteste Fall waren die verheerenden Anschläge von Rostock-Lichtenhagen[10]. Die von Beth/Tuckermann befragten vietnamesischen Jugendlichen berichteten, bereits mehrfach als „Fidschi“ beschimpft, tätlich angegriffen oder drangsaliert worden zu sein. Eine Erfahrung, die die in Westdeutschland lebenden Bürger mit vietnamesischem Migrationshintergrund[11] eher selten machen mussten (aber vergleiche den Abschnitt zur Diskriminierung).

Durch die Wiedervereinigung trafen nun plötzlich wieder Südvietnamesen auf Nordvietnamesen, gab es auch unter den Vietnamesen „Ossis“ und „Wessis“ und „bei den durch ihre Fluchterlebnisse traumatisier­ten boat people brachen die alten Wunden wieder auf.“ (Beth/Tuckermann 2008, S. 14): Sie warfen den Nordvietnamesen vor, „nur aus wirtschaftlichen“ Gründen in Deutschland zu sein. Dabei hatten auch die Nordvietnamesen fast immer viel Leid erlebt und wenig Schuld an den Geschehnissen. Mittler­weile haben sich die Nord- und Südvietnamesen in Deutschland aber einander anscheinend wieder angenä­hert.

2.5Methodik

Die vorangegangene Analyse wissenschaftlicher Literatur sollte durch eigene teilstrukturierten Interviews ergänzt werden. Ich entwickelte einen Fragebogen, wobei ich mich inhaltlich vor allem an der Forschungs­arbeit von Beuchling (2003) orientierte. Dieser hatte allerdings bereits festgestellt, dass die im Gespräch mit Asiaten notwendige Behutsamkeit sowie die sehr verschiedenen Geschichten und mitunter sehr per­sönlichen Themen eher die Form eines „narrativen Interviews“ erforderten (Küsters 2009). Ich versuchte, mich am Erzählfluss der Interviewten zu orientieren und durch passende, vorsichtige Rückfragen die wichtigsten Aspekte zu erfassen. Die Studentin Nhu Quynh Thi, selbst Vietnamesin, hat beschrieben wie schwer es war, Jugendliche in Berlin für ihren Film „Vietlin“ zu gewinnen (zitiert nach Beth/Tuckermann 2008, S. 320):

„Wie hast du die Jugendlichen für Deinen Film gefunden?
Quynh: Mit großer Überredungskunst. Ein paar waren dagegen, weil das zu persönlich war und diese privaten Probleme…Vietnamesen sind halt so gestrickt, dass sie private Probleme nicht gerne nach außen geben. Ich habe dann gemeint, das ist für meine Uni. Das ist, um eine Zensur für mich zu bekommen. Und hätte ich die nicht persönlich gekannt, auf keinen Fall wäre ich da rangekommen.“

Sicherlich hat ein gutes persönliches Verhältnis dazu beigetragen, dass die 3 von mir befragten Mitschüler zu einem Interview bereit und mir gegenüber relativ offen waren, wenn auch nicht übermäßig „gesprä­chig“. Anonymität wurde zugesagt, wobei leider aufgrund der geringen Zahl der Interviews Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich sein könnten. Ich habe aus diesem Grund die demographischen Angaben vollständig von den Interviewtexten getrennt, was normalerweise in wissenschaftlichen Arbeiten nicht üblich ist, in diesem Fall aber vertretbar ist, da alle 3 Interviewpartner männlich und fast gleich alt sind (17 oder 18, alle Klassenstufe 12). Die Interviews wurden mit einem Diktaphon aufgezeichnet und transkribiert. Da die Interviews in keiner Weise Anspruch auf Repräsentativität und Objektivität erheben können, sollen sie nur dazu dienen, sie mit bereits existierender Forschung auf Gemeinsamkeiten und Un­terschiede „abzugleichen“.

3.    Auswertung

Ich verwende zur weiteren Auswertung der Literatur sowie meiner Interviews den Begriff „kulturelle Identität“ statt Integration, da dieser es erlaubt, verschiedene Kulturen in Form von Gemeinsamkeiten und Differenzen zu vergleichen, statt diese gleich zu werten. Auch wenn in der Migrationsforschung moderne Definitionen von Integration eine weitere Identifikation mit dem Herkunftsland umfassen, scheint in der Umgangssprache Integration häufig zu bedeuten, dass man sich „deutsch“ fühlt. Integration und Identität sind teilweise überlappende Begriffe, aber dennoch keinesfalls das Gleiche. Auch „bestens integrierte“ Vietnamesen fühlen sich oft sehr stark ihrem Herkunftsland verbunden. Ich habe mich vor allem auf die folgenden Aspekte der kulturellen Identität konzentriert, die von Forschern gleichsam als wichtig für die Fähigkeit zur Integration sowie für das Wohlbefinden in der aufnehmenden Kultur betrachtet werden, be­ziehungsweise ein Anzeichen für beides sein können:

  • Die Herkunft/kulturelle Identität allgemein laut Selbstauskunft und genauer:
  • Die Rolle der Sprache
  • Die Bedeutung von Religion
  • Die Einstellung zu Familie und Erziehung
  • Einstellung zu Bildung und Beruf
  • Verbindungen zu anderen Menschen aus dem gleichen Kulturkreis, Institutionen, Vereinen
  • Wissen über Kultur/Politik im Herkunftsland
  • Bedrohung der Identität: Wahrgenommene Diskriminierung
  • Zukunftspläne

Zuvor noch ein paar ganz allgemeine Informationen zur Demographie der von mir befragten Schüler: Alle drei kommen aus Nordvietnam, sind also keine Nachkommen der Bootsflüchtlinge und auch nicht von Vertragsarbeitern der damaligen DDR. Ihre Eltern sind vor allem gekommen, weil die Arbeitsbedingun­gen/Lebenschancen hier besser sind. Ein Beispiel: „Meine Mutter kam mit 18 Jahren 1986 aus Tschechien, wo sie als Näherin gearbeitet hat. Von dort kam sie später nach Deutschland. Heute arbeitet sie in einer kleinen Speditionsfirma“ (Schüler 1). Die Eltern von Schüler 2 kamen vor 20 Jahren. Alle geben an, dass der Anfang für ihre Eltern sehr schwer gewesen sei, weil sie „mit nichts hier angekommen“ seien, die Sprache ein großes Problem für die Eltern war und auch die Gewöhnung an die doch sehr „anderen Le­bensumstände“. Die Tatsache, dass ihre Kinder, alle drei Schü­ler, jetzt auf dem Gymnasium sind, spricht in gewisser Weise schon für sich, allerdings handelt es sich ja von vornherein um eine selektive Auswahl an Interviewpartnern. Ein Schüler war in einer „Begys-Klasse“, einer hatte eine Gymnasiumsempfehlung von der Grundschule aus und einer kam von der Realschule aufs Gymnasium.

3.1Herkunft/Kulturelle Identität laut Selbstauskunft

Auch wenn Aussagen auf die Frage, ob sich ein Schüler „vietnamesisch“ oder „deutsch“ fühlt und inwie­weit diese Unterscheidung für den Schüler eine Rolle spielt, möglicherweise nicht allzu aussagefähig ist, wurde sie hier doch gestellt. „Typisch“ für Vietnamesen wäre die diplomatische Antwort, dass man das Beste beider Kulturen vereinen wolle (vgl. Beuchling, S. 250 ff.). Aber häufig werden auch Prozentzahlen genannt, die zumindest ungefähr eine Vorstellung davon geben, als was sich die jeweilige Person mehr „fühlt“. In der Erhebung von Beuchling fanden sich die meisten Vietnamesen der Elterngeneration noch zu etwa 80 Prozent „vietnamesisch“, und zu 20 Prozent „deutsch“. In den nachfolgenden Generationen ver­schiebt sich dieses Verhältnis, aber immerhin empfinden sich selbst die Enkel noch als zu 20-30 Prozent vietnamesisch, auch wenn sie häufig die Sprache nur noch schlecht sprechen, Vietnam nur selten besuchen und wenig Kontakt zu anderen Vietnamesen haben. Eine Studentin, die einen Film über ihre Identität ge­dreht hatte, bezeichnete sich als „Vietlinerin“ (als 50-50 Mischung aus „Vietnamesin“ und Berlinerin“). Dass man sich in einer bestimmten Kultur „anpasst“ ist ein Prozess, der mehr oder weniger automatisch und unbewusst erfolgt und sich oft auf einer emotionalen Ebene zeigt, ebenso wie die Entfremdung von der Herkunftskultur: So sagt etwa ein Schüler (18 J., zit. nach Beth/Tuckermann 2008, S. 290):

„Es ist schön, mal in Vietnam zu sein, aber richtig wohl fühle ich mich da nicht. Alle erwarten immer so viel von einem. Man ist einem sehr großen Druck ausgesetzt, was die Zukunft und die Familie angeht. Ständig muss man auf diese Höflichkeiten und all dies achten. Ich halte eigent­lich lieber Abstand, da es mich nur belastet. Deswegen hab ich mich auch nicht so viel mit unse­rer Geschichte auseinandergesetzt und weiß nicht viel über Vietnam oder den Vietnamkrieg.“

Die Begegnung mit der Vergangenheit wird vermutlich häufig unbewusst vermieden. Häufig wird von den Schülern aber schon Bedauern über den Verlust der Kultur geäußert, wenn auch vorsichtig: „Es ist nicht viel, was einem da noch übrig bleibt“ (Schüler 1). Die von mir befragten Schüler bezeichneten sich als zu 90 Prozent deutsch oder „fast ganz deutsch“ und nur einer meinte, dass seine Herkunft noch eine größere Rolle spiele. Auf Nachfrage wird aber deutlich, dass die Herkunft doch noch präsent ist:

Dann spielt Deine Herkunft für Dich im Alltag also keine große Rolle?
„Nein, eigentlich nicht. Außer, dass wir die ganze Zeit vietnamesisch essen (lacht) und reden.“ (ebenda)

Die kulturelle Identität des Herkunftslandes wirkt unbewusst wahrscheinlich meist weitaus stärker als man gemeinhin annimmt. So haben viele Vietnamesen ihren vietnamesischen Pass behalten, nicht weil sie sich nicht loyal zu Deutschland wären, sondern um sich bei der Einreise nach Vietnam (tatsächlich besuchen viele noch regelmäßig Verwandte dort) nicht als „Fremder“ zu fühlen.

3.2Sprachkenntnisse

Die meisten Bootsflüchtlinge erhielten einen ca. 10-monatigen, intensiven Sprachkurs, bei dem viele die deutsche Sprache sehr gut lernten, gerade die älteren allerdings taten sich trotzdem sehr schwer damit, sich die Sprache anzueignen. Deutsch ist noch schwerer zu erlernen als das auch schon sehr komplexe Vietna­mesisch. Inwieweit die Eltern der Schüler Deutschunterricht bekamen ist mir nicht bekannt, aber die meisten hatten Probleme damit, die Sprache zu lernen, während die Kinder meist nahezu perfekt deutsch sprechen. Viele Kinder der Migranten können noch sehr gut vietnamesisch, da bei den meisten noch da­heim vietnamesisch gesprochen wird. Aber da sie die Sprache nicht in der Schule gelernt haben, gibt es bei allen drei Schwierigkeiten beim Schreiben und Lesen:

„Verstehen kann ich alles, es fällt mir nur manchmal schwer, wegen dem Vokabular, dann muss ich manchmal überlegen. Eigentlich kann ich ganz gut reden, nur Schreiben und Lesen fallen mir schwer…Ich habe das zu Hause gelernt, da spricht man Vietnamesisch. Deshalb habe ich auch Probleme mit dem Lesen und Schreiben, da ich es nicht in einer Schule gelernt habe. Aber Vietnamesisch habe ich zuerst gelernt, es ist also meine Muttersprache“. (Schüler 1)

Mit den Geschwistern wird häufig deutsch geredet, da die Sprache besser beherrscht wird. Man könnte den Verlust der Herkunftssprache in Hinblick auf die Integration positiv bewerten, doch besonders in Groß­städten wie Berlin, in denen psychische Probleme der vietnamesischen Migranten eher offenkundig werden (insbesondere Depressionen und eine deutlich erhöhte Selbstmordrate[12]), hat man erkannt, dass es für die kulturelle Identität wichtig ist, den Kindern wenigstens rudimentäre Sprachkenntnisse des Herkunftslandes beizubringen beziehungsweise die Sprache zu pflegen. Dies ist freilich nicht immer einfach. So klagt die Autorin des Films „Vietlin“, dass ihre jüngere Schwester sich so stark angepasst habe, dass sie nur noch „zu 10 Prozent vietnamesisch“ sei und einen deutschen Freund habe. Sie versucht die Schwester dazu an­zuhalten, sich mit der eigenen Kultur zu beschäftigen:

„Und ich versuche oft bei Konflikten, wo ich merke, dass ihre Mentalität anders ist und mir das zum Beispiel sehr unangenehm ist oder sogar manchmal weh tut, dass ich, weil ich die größere Schwester bin, versuche ihr ein bisschen von der Kultur zu geben. Also jetzt nicht auf die harte Tour, lern mal Vietnamesisch, also ich beschimpfe sie nicht oder mache sie auch nicht schlecht, aber versuche, sie auf eine angenehme Weise drauf zu bringen … dass sie die Sprache lernt, auch mal ein bisschen anders denkt. Und überlegt, woher sie kommt und so was.“ (Quynh, 20 J., zit. Nach Beth/Tuckermann 2008, S. 319)

Erstaunlich ist, dass, obwohl die meisten Vietnamesen sagen, dass sie sich in Deutschland wohl fühlen und sich nicht vorstellen können, wieder nach Vietnam zu gehen, das Sprachkenntnisse manchmal als eine Art Rückhalt für alle möglichen Eventualitäten gese­hen wird:

„Natürlich, in Deutschland ist Vietnamesisch nicht so notwendig wie Deutsch zu können. Aber ich habe ihr gesagt, das ist halt unsere Sprache. Sie kann sie eigentlich. Die hat sie im Bauch. Und wenn sie die jetzt vergisst oder verlernt, dann kann sie die irgendwann gar nicht mehr. Und das ist einfach schade, weil sie nie weiß, wann sie die wieder brauchen wird. Und sie weiß nie, ob sie später vielleicht doch nach Vietnam zurückkommt. Jetzt nicht, aber zum Arbeiten oder in einer Beziehung.“ (ebenda)

3.3Religion

Migranten bringen nicht nur materielle Güter, handwerkliche Fertigkeiten und Lebensformen mit, sondern auch religiöse Deutungssysteme, Orientierungen und Praktiken (Baumann 2000, S. 16). Eine Studie von Williams (1988) hat gezeigt, dass südostasiatische Einwanderer in den USA religiös sind, religiöser als zuvor, als sie ihre Heimat verließen. Religion ist eines der wichtigsten Identitätskennzeichen für das indi­viduelle Selbstbewusstsein und um den Zusammenhang in der Gruppe zu erhalten. Doch erhöhte Religio­sität tritt nicht bei allen Migrantengruppen auf. Häufig verliert sich der Einfluss der Religion auch. Unter den interviewten Schülern ist eher eine Entfernung von der Religion des Herkunftslandes zu verzeichnen:

„Wünschen sich Deine Eltern, dass Du vietnamesische Traditionen weiterführst?“
„Ich glaube schon, aber es gibt ja nicht viel, was wir davon behalten haben, und ich bin ja auch schon katholisch getauft. Also von der Religion her ist das meiner Mutter eher nicht so wichtig.“ (Interview 1)

Eine sehr wichtige Rolle spielen bei fast allen vietnamesischen Familien aber noch Bräuche und Rituale wie ein Hausaltar, der dem in asiatischen Kulturen wichtigen Ahnengedenken dient und an dem Räucher­werk angezündet wird. Das wichtigste Fest der Vietnamesen ist das Neujahrsfest (Tet-Fest). Familien be­halten solche Bräuchen oder Feste auch dann bei, wenn sie eigentlich gar nicht mehr so religiös einge­stellt sind, so wie auch das Weihnachtsfest von vielen Menschen gefeiert wird, die nicht mehr besonders christlich sind. Der Schüler, der angibt, dass vietnamesische Einflüsse in Hinblick auf Religion eigentlich kaum noch eine Bedeutung haben, sagt etwa:

„Also das Tet-Fest ist ja schon was Besonderes für mich, da kommt dann die Familie zusammen. Es ist fast ein bisschen wie Weihnachten“ (Interview 1, m, 18 J.)

Auch Schüler 2 meint, dass seine Herkunft so gut wie keine Rolle spiele: „Also eigentlich so gut wie keine, ich bin schon deutsch (lacht)“. Auf die Frage, ob seine Eltern gerne hätten, dass er die Traditionen fort­führt antwortet er aber:

„Doch, das möchten sie schon, dass das fortgeführt wird, und raten mir auch immer wieder mal, ich solle doch am besten eine vietnamesische Frau heiraten (lacht). Und mit dem Essen und so.“

Auch in dieser Familie wird das Tet-Fest groß gefeiert, Weihnachten ebenso („gehört ja irgendwie dazu“). Schüler 2 macht keine Angaben zur Religionszugehörigkeit der Eltern („weiß nicht“), er selbst bezeichnet sich als Christ.[13]

Da die französischen Kolonialherren und später der von den USA eingesetzte Herrscher Südvietnams den Katholizismus förderten, finden sich auch viele Katholiken unter den Migranten. Im Kommunismus wurde versucht, die Rolle von Religion ganz zu verdrängen. Dennoch spielt der Buddhismus[14] heute (wieder) für sehr viele Vietnamesen in Deutschland eine zentrale Rolle. Buddhistische Pagoden ziehen zu Feierlichkeiten regelmäßig eine größere Menge von Vietnamesen aus ganz Deutschland an. Die ViênGiácPagode (deutsch: Vollkommene Erleuchtung) in Hannover etwa ist ein Glaubenszentrum vietnamesischer Buddhisten, eine von acht vietnamesisch-buddhistischen Pagoden in Deutschland und eine der größten Pagoden in Europa.

3.4Verhältnis zu Familie

Die Verbundenheit in der Familie gilt als Schlüsselelement der vietnamesischen Kultur, die – wie in ei­gentlich allen südostasiatischen Kulturen – stark kollektiv orientiert ist. Die Familie ist die Basis für das Glück und den Stolz eines jeden Familienmitglieds und die Großfamilie hat Priorität vor den individuellen Bedürfnissen einzelner Mitglieder (vgl. Beuchling 2003, S. 188ff.). Die Wurzeln für dieses konfuzianische Familienver­ständnis wurde in der Zeit der chinesischen Herrschaft (111 v. Chrs.-939 n. Chr.) gelegt und dieses hat sich auch unter der kolonialen und kommunistischen Herrschaft kaum verändert. Auch vietnamesische Mig­ranten sind davon in hohem Maße beeinflusst. Von den Kindern wird erwartet, sich gegenüber Älteren als respektvoll und dankbar zu erweisen. Frauen haben sich den Männern unterzuordnen.

„Bei meiner Mutter und ihrer Schwester war es halt so gewesen, dass die Jungs nicht so erzogen worden sind wie die Mädchen. Wie gesagt: Die Jungs haben die Freiheiten, dürfen auch schon Weggehen und die Mädchen müssen zu Hause bleiben (…) In meinen Augen würde ich so sagen, wie Sklaven. Die müssen den ganzen Haushalt machen, müssen sich um die kleinen Geschwister sorgen (Praktikantin, 21 Jahre, zit. nach Beuchling 2003, S. 189).

Allerdings erhalten aufgrund der hohen Wertschätzung für Bildung (siehe folgender Abschnitt) auch die Mädchen in aller Regel eine gute Ausbildung, sehr viele studieren.[15]

Die Familienverhältnisse der in Westdeutschland lebenden Nachkommen der vietnamesischen Migranten sind noch relativ deutlich von vietnamesischen Werten geprägt. Auch wenn die Familien durch Flucht, Emigration, Ent­fremdung usw. auseinander gerissen wurden, wird häufig an einer patriarchalisch-hierarchischen Struktur festgehalten. Es gibt ein vietnamesisches Sprichwort: „Liebt man die Kinder, greift man zum Prügel. Hasst man sie, schenkt man ihnen ein süßes Leben.“. Dies mag ein Klischee sein, aber eine gewisse Strenge ge­hört zu einer „typisch“ vietnamesischen Erziehung:

„Die vietnamesischen Kinder haben mehr Respekt vor den Eltern (..) Es gibt Antworten, die meine Freunde ihren Eltern geben, dafür würden mich meine Eltern vielleicht anschreien. Ich dürfte sowas gar nicht machen, besonders nicht bei meinem Vater, der ist besonders vietname­sisch. Meine Mutter ist schon eher europäisch, sie lässt mir sehr viel mehr Freiraum. (…) Wenn mein Vater zum Beispiel sagen würde, das da draußen ist ein Hund und es wäre in Wirklichkeit eine Katze, und ich sage es ihm, dann würde er aber recht behalten, weil er älter ist. Das ist einfach eine Tatsache (…) Es gab oft Auseinandersetzungen, ich hab ganz oft geweint wegen ihm, nur weil ich irgendetwas gemacht habe….Ich finde, die Erziehung bei den Asiaten ist eine Zwangsjacke. Sie sehen es sehr engstirnig. Ich finde, man sollte Kindern mehr Meinungsfreiheit geben.“ (der 14-jährige Hang Ni Nguyen aus Berlin, zit. nach Beth/Tuckermann, S. 61).

Das Zitat zeigt schon eine deutliche Distanz zur asiatischen Auffassung von Erziehung. 2011 hat ein Buch der chinesisch-amerikanischen Juristin Amy Chua für Furore gesorgt, die mit militärischem Drill ihre Töchter zu musikalischen Spitzentalenten herangezogen hat und meint, dass im Westen die Kinder ver­weichlicht werden. Sie glaubt, dass Disziplin statt laissez-faire Kinder auf lange Sicht nicht nur erfolgrei­cher sondern auch glücklicher macht[16]. Generell sehen es aber auch viele Kinder vietnamesischer Migran­ten positiv, dass die Disziplin in der Erziehung in Deutschland nicht so stark ausgeprägt ist und man ein gleichwertigeres Verhältnis zu den Eltern hat: „Die Europäer zeigen die Liebe zu ihren Kindern sehr offen und die können es dann zurückspiegeln. Während man bei uns…keiner würde es über die Lippen bringen“ (14 Jahre, Schülerin).[17] Die Vorstellungen zu Ehe und Familie sind in den Herkunftsfamilien oft auch noch recht traditionell.

Wesentlich schwerer hatten/haben es häufig die Familien der ehemaligen Vertragsarbeiter in der ehemali­gen DDR und die später gekommenen vietnamesischen Migranten, ein „vietnamesisches“ Familienleben aufrecht zu erhalten. Da sich diese häufig nur unter größten Mühen ihren Lebensunterhalt sichern konn­ten/können, blieben/bleiben ihre Kinder häufig den ganzen Tag sich selbst überlassen (Beth/Tuckermann 2008). Solche Probleme sind sicherlich nicht speziell vietnamesisch, doch eine solche „einsame“ Lebens­weise ist für Vietnamesen mit ihrer starken Familienorientierung eine besondere Qual. Und wie gelingt Erziehung, wenn es kaum Vorbilder gibt und sich das Umfeld doch sehr stark von den vietnamesischen Verhaltensweisen und Idealen unterscheidet? Vereine wie die Berliner „Reistrommel e.v.“ versuchen, dieses Defizit ein wenig auszugleichen. Allerdings sind unter diesen Bedingungen nicht immer so gute Bildungserfolge zu erzielen wie bei den Nachkommen der westdeutschen boat people.

Viele Migranten halten den Kontakt zu nahen oder entfernteren Familienmitgliedern in Vietnam aufrecht.[18] Zwei der Schüler gaben an, schon 2-3-mal zu Verwandten nach Vietnam gereist zu sein.

3.5Bildungsverlauf

„Ist das Kind klüger als die Eltern, bedeutet es Glück für das Haus“ (Vietnamesisches Sprichwort)

Bildung hat in der vietnamesischen Kultur – ebenfalls bedingt durch den Konfuzianismus – einen extrem hohen Stellenwert[19]. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit der Sprache und vereinzelten Verhaltensauffäl­ligkeiten durch die Traumatisierung der Kinder sowie kleineren kulturellen Missverständ­nissen[20] begannen die Kinder der boat people schnell, sich zu Musterschülern zu entwickeln. Ein Gymnasi­allehrer berichtet, dass sie „im Leistungsbild selten dem unteren Drittel angehörten“ (Beuchling 2009, S. 146). Häufig mussten sie schon aufpassen, nicht als Streber wahrgenommen zu werden. Nicht selten herrscht auch eine heftige Konkurrenz unter vietnamesischen Eltern, welches der Kinder besser in der Schule sei, beruflich erfolgreicher etc., da bei Vietnamesen der Status sehr stark vom Bildungserfolg der Kinder abhängt. Der Ehrgeiz ist nicht selten so stark ausgeprägt, dass die Kinder einem starken Leis­tungsdruck ausgesetzt sind, der zu familiären Konflikten führt (Beuchling 2003; S. 234ff.). Beuchling stellt fest, dass Integration bei den Kindern vietnamesischer Migranten eher bedeutet, dass sie schlechter in der Schule werden bzw. „sich dem deutschen Durchschnitt anpassen“, etwa weil sie so wie ihre deutschen Freunde ausgehen und ihre Freizeit genießen wollen. „Freizeit“ an sich ist im Prinzip ein westliches, indi­vidualistisches Konzept, das in asiatischen Familien traditionell so nicht vorkommt. Man verbringt die Zeit nach der Schule damit, bei der Hausarbeit zu helfen, zu lernen, die kleineren Geschwister zu beaufsichti­gen, etwas mit der Familie zu unternehmen, Besuche zu machen und zu empfangen etc. Auch wenn sich der Einfluss der vietnamesischen Leistungsorientierung vielfach längst abgeschwächt und sich das Frei­zeitverhalten angeglichen hat, sind Einflüsse immer noch deutlich spürbar. Schüler 1 ist mit einem Schnitt von 2,7 zwar nur leicht überdurchschnittlich und gibt an, nur wenig Druck von zu Hause zu bekommen, hat aber durchaus ehrgeizige Pläne für die Zukunft (siehe unten). Schüler 2 dagegen gibt an, dass er sehr wohl von anderen Schülern mit vietnamesischem Hintergrund weiß, die ziemlich unter Druck gesetzt wer­den (allerdings machen natürlich auch viele deutsche Eltern durchaus einigen Druck). Schüler 3 ist als Begys-Schüler überdurchschnittlich gut in der Schule.[21]

3.6Diskriminierungserfahrungen

Eigentlich habe ich nicht damit gerechnet, viel über Diskriminierungserfahrungen zu hören, da diese in Westdeutschland im Vergleich zu den Erfahrungen ostdeutscher Vietnamesen eher selten vermutet werden und ich den Eindruck hatte, dass wir am GGG vollkommen selbstverständlich mit unseren vietnamesischen Mitschülern umgehen. Aber nach dem was ich über die „Rösler-Diskussion“ (siehe oben) gelesen hatte, wollte ich diesen Punkt auf jeden Fall abfragen. Die Antwort fiel in einem Fall etwas unbestimmt aus:

„Musst Du Dir wegen Deiner Herkunft manchmal Sprüche anhören?“

(lacht) Wie Du diese Frage schon stellst, sagt das schon fast alles aus. Ja, aber nichts Tiefgrei­fendes, Verletzendes. Also ich nehme es auch nicht so ernst.“ (Interview 1)

Die Antwort des zweiten interviewten Schüler klang schon bedenklicher:

(Lacht) Das lässt sich ja irgendwie nicht vermeiden sowas, aber ich nehme das gelassen. Bei man­chen erkennt man, dass sie sowas nur aus Spaß sagen.
Aber hast Du auch erlebt, dass es mal bös gemeint war?
Ja, natürlich. (Schweigen) Aber ich denk dann halt, ja, ok. Wenn die meinen, dass sie sowas sagen müssen…muss man sie halt lassen (lacht). (Schüler 2)

Bei Schüler 3 ist da nur ein Mitschüler (ebenfalls mit „Migrationshintergrund“), der gelegentlich dumme Sprüche macht, das aber nicht unbedingt ernst meint:

„Ja, ein Mitschüler macht schon mal einen Spruch, aber ich glaub jetzt mal nicht, dass das unbedingt böse gemeint ist.“

Ich glaube nicht, dass ich aufgrund dieser Aussagen das Ausmaß möglicher Diskriminierung wirklich einschätzen kann. Es scheint aber, dass – auch wenn am GGG schwere Diskriminierungen wahr­scheinlich nicht vorkommen, Bemerkungen – sei es im Spaß oder im Ernst – manchmal doch zu bedenken­los geäußert werden. Die notwendige Gelassenheit demgegenüber legen aber anscheinend beide Schüler an den Tag.

3.7Wissen über vietnamesische Kultur/Geschichte/Politik

Das Wissen über die Geschichte Vietnams und die gegenwärtigen politischen Verhältnisse in Vietnam sind in den nachfolgenden Generationen der Migranten häufig gering, ebenso was die Geschichte der Eltern betrifft: „Von den Leiden der Eltern und Großeltern, von Krieg, Vertreibung, Flucht und den unvorstellba­ren Schwierigkeiten in der Fremde wissen die mittlerweile hier aufwachsenden oder sogar geborenen Kin­der in der Regel nur wenig (Beth/Tuckermann 2008, S. 55). Dies mag verschiedene Gründe haben – wer mit Überlebenskampf beschäftigt ist, hat keine Zeit, zurückzublicken oder möchte es auch nicht. Jedenfalls wurde in den meisten Familien nicht über diese Dinge geredet. Allerdings stellen Beth/Tuckermann bei jungen Vietnamesen ein steigendes Interesse an ihrer Geschichte fest. Daher habe ich in meinen Interviews danach gefragt, inwieweit die Schüler über ihre Herkunft informiert sind, inwieweit Verbindungen beste­hen zu vietnamesischen Vereinen (in den Großstädten häufig eine wichtige Anlaufstelle für Informationen über und die Pflege der vietnamesischen Kultur, vgl. Beuchling 2003, S. 241 ff.) Auch wollte ich wissen, inwieweit die Eltern und der Schüler daran interessiert sind, die Kultur zu erhalten und sich Wissen über Vietnam zu verschaffen.

Das Wissen über die Kultur und Politik in Vietnam schien auch bei den befragten Schülern nicht besonders aus­geprägt:

„Was weißt Du über die Politik und Kultur in Vietnam?“:
„Dass es kommunistisch ist…aber eigentlich ziemlich wenig, ich war auch erst zweimal dort, aber da habe ich nicht so viel mitbekommen, aber der Buddhismus ist dort weit verbreitet.“ (Schüler 1)

„Hm, also Politik jetzt nicht so viel, ja und Kultur, wir feiern ja auch immer Neujahrsfest hier und so, und da weiß man so ein bisschen was.“Schüler 2)

„Also Kultur einiges, Politik nicht so, ich interessiere mich aber auch nicht so dafür.“(Schüler 3)

Netzwerke von Migranten aus dem gleichen Herkunftsland werden mitunter als Gefahr für die Integration betrachtet, aber hier hat ein Umdenken stattgefunden. Man glaubt nun, dass es wichtig für Migranten ist, Kontakt zu Landsleuten und die Herkunftskultur zu pflegen (Beuchling 2003). Die Familie von Schüler 1 hat keine Kontakte zu vietnamesischen Vereinen. Schüler 2 hat gelegentlich die vietnamesische Schule in Speyer besucht, in letzter Zeit aber nicht mehr so oft. Direkt in Wohnortnähe gibt es nur die Möglichkeit, sich mit anderen vietnamesischen Jugendlichen auszutauschen, wobei ich nicht erfragt habe, ob unter den Schülern vietnamesischer Herkunft ein engerer Kontakt besteht als zu anderen[22], aber selbst wenn dem so wäre, würden sie dabei vermutlich wenig über ihren kulturellen Hintergrund lernen, da die meisten nicht sehr viel zu wissen scheinen. Internetplattformen wie www.unser-vietnam.de bieten schon eher eine geeig­nete Möglichkeit für Jugendliche, interessante Details über ihre Kultur und Geschichte zu erfahren.

3.8Wünsche für die Zukunft

Die Nachkommen der vietnamesischen Migranten zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich möglichst rei­bungslos in vorgefundene Lebensbedingungen einfügen möchten. Sie bemühen sich stark, mit ihrer sozia­len Umwelt zurechtzukommen, greifen Aspekte westlichen Lebensstils auf und übernehmen Muster indi­vidualistischer Lebensführung (Beuchling 2003, S. 292). Auch sind die Kinder vietnamesischer Migranten in aller Regel bestrebt, den mehr oder weniger ehrgeizigen Vorstellungen der Eltern in Bezug auf ihre be­rufliche Zukunft zu folgen. Dies spiegelt sich auch in den Zukunftserwartungen der befragten Schüler wie­der, die recht ehrgeizig, aber auch traditionell, familienorientiert sind. Schüler 3 möchte auf jeden Fall stu­dieren, vielleicht ein duales Studium machen, weiß es aber noch nicht so genau. Schüler 1 möchte gerne Ingenieurwissenschaften studieren, vielleicht Elektrotechnik. Er sagt: „ich denke, das was ich will ist das, was die meisten anderen auch wollen: Familie, Haus und einen stabilen Job“. Von seiner Mutter fühlt er sich „total unterstützt“, glaubt aber, es würde ihr auch nichts ausmachen, wenn er „nur“ eine Ausbildung machen möchte.

4.    Fazit

Der Forschungen von Beuchling und anderen zufolge erscheinen die Vietnamesen – anders als manche andere Migrantengruppen – in den allermeisten Fällen gut angepasst, leistungsorientiert, unauffällig, bedürf­nislos und scheinbar „deutscher“ als so mancher Deutsche. Diese Erkenntnis bestätigen meine eigenen, wenn auch nicht repräsentativen Interviews. Sieht so der ideale „Bürger mit Migrationshintergrund“ aus in Zeiten, in denen Leute wie Thilo Sarrazin den „multikulturellen, gleichmacherischen Tugendterror“ an­prangern und befürchten, dass Deutschland sich „abschafft“ und damit anscheinend den Nerv einer bedeu­tenden Mehrheit der Bevölkerung treffen? Es mag verführerisch sein, sich das zu wünschen. Doch werden gerade in Bezug auf solche besonders „unauffälligen“ Migrantengruppen häufig zahlreiche Chancen da­durch verpasst, dass wir uns nicht näher mit deren Kultur auseinandersetzen. Sie geraten auch leicht ins Hintertreffen. Tamara Hentschel, die Leiterin des Vereins Reistrommel sagt dazu:

„Niemand nimmt sie wahr, niemand berücksichtigt ihre Bedürfnisse. Wenn Vietnamesen immer sehr bescheiden und ruhig im Hintergrund bleiben und warten, dass irgendwann mal jemand denkt, ach, da ist ja noch jemand, der vielleicht auch noch was will, dann kommen sie nicht zum Zuge. In keinem Ausländerbeirat, egal ob Vietnamesen drin sind oder nicht, äußern Vietnamesen ihre Bedürfnisse. Die Russen sagen sehr laut, was sie wollen, hier im Ostteil und überall be­kommen sie was. Aber Vietnamesen sagen nichts und dann bekommen sie auch nichts. Das ist hart, das ist wirklich hart.“ (zit. nach Beth/Tuckermann 2008, S. 64).

Die Integration der hier lebenden Ausländer scheint (zumindest in Westdeutschland) durchaus Fortschritte gemacht zu haben, regelmäßige „Integrationstage“, Begegnungen im Alltag usw. haben das gegenseitige Verständnis verbessert und Fremdenfeindlichkeit zurück gedrängt. Für Flüchtlinge dagegen scheinen sich die Bedingungen in Europa dagegen allerdings massiv verschlechtert zu haben bzw. es wurde anscheinend so gut wie nichts aus der Vergangenheit ge­lernt. Das Asylrecht wurde deutlich verschärft, was von Flüchtlingsorganisationen scharf kritisiert wurde.[23] Viele europäische Staaten nehmen gar keine Flüchtlinge auf. Der Ärztetag hat unlängst die Krankenversorgung der Flüchtlinge als „nicht mit dem Grundgesetz verein­bar“ bezeichnet (Spiegel-b 22/2014, S. 49). Eine Notfallversorgung für posttraumatische Störungen gibt es nicht, wird höchstens ehrenamtlich geleistet.[24] Die offensichtlich überforderte italienische Regierung hat jüngst Bootsflüchtlinge aus Afrika an Autobahnraststätten ohne Essen und Trinken ausgesetzt. Viele Flüchtlinge in Europa leben illegal in den Aufnahmeländern ohne die Chance, je in ein geregeltes Leben zu finden.

Vom positiven Beispiel der Bootsflüchtlinge kann man hier vielleicht lernen, dass, wenn die Bedingungen ansonsten gut sind, nicht immer der Staat für Integrationsmaßnahmen gebraucht wird, weil Zuwanderer auch selbst, manchmal sogar geeignetere, Wege und Methoden finden, um ihre Probleme zu lösen. So wäre es wahrscheinlich kaum sinnvoll gewesen, den Vietnamesen zur Aufarbeitung von Traumatas oder Konflik­ten psychologische Hilfe anzubieten, da in der vietnamesischen Kultur alles innerhalb der Familie ausge­macht wird. Zahlreiche Vietnamesen schöpften jedoch später großen Trost daraus, das buddhistische Zent­rum des von allen Vietnamesen verehrten geistigen Anführers Thich Nhat Hanh[25] in Frankreich zu besu­chen, wo sie Gemeinschaft, Heilung und Lösungen für Konflikte innerhalb der Familie fanden (siehe Be­richt von Hang-Ni Nguyen in Beth/Tuckermann, S. 243ff.). Auch vietnamesische Vereine scheinen sehr hilfreich zu sein.

Die Aufnahme der Bootsflüchtlinge aus Vietnam war ein bemerkenswerter Akt der Humanität, getragen von breiten Schichten der Gesellschaft – auch wenn sicherlich nicht alles optimal gelaufen sein mag, waren die Bedingungen für eine gute Integration damals ziemlich „paradiesisch“. Heute dagegen steht Europa angesichts wachsender Flüchtlingsströme und „gesteuerter Zuwanderung“ vor einer gewaltigen Herausfor­derung. Zukünftige Generationen werden uns zweifellos daran messen, ob es uns gelingen wird, diese auf kluge und humane Weise zu meistern.

5.    Literaturverzeichnis

  • Martin Baumann (2000): Migration – Religion – Integration: Buddhistische Vietnamesen und hindu­istische Tamilen in Deutschland. Marburg.
  • Uta Beth, Anja Tuckermann (2008): Heimat ist da, wo man verstanden wird: Junge VietnamesIn­nen in Deutschland. Berlin: Archiv der Jugendkulturen.
  • Olaf Beuchling (2003): Vom Bootsflüchtling zum Bundesbürger. Migration, Integration und schuli­scher Erfolg in einer vietnamesischen Exilgemeinschaft. Münster.
  • Bode, Sabine (2009): Kriegsenkel, Die Erben der vergessenen Generation, Stuttgart.
  • Bode, Sabine (2004): Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. Stutt­gart.
  • Amy Chua (2011): Die Mutter des Erfolgs. Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte. 5. Auf­lage. Nagel & Kimche, 2011.
  • Kien Nghi Ha (Hg.) (2012): Asiatische Deutsche – Vietnamesische Diaspora and Beyond, Berlin.
  • Küsters, Ivonne (2009): Narrative Interviews. Grundlagen und Anwendungen, 2. Aufl. Wiesbaden 2009 (Lehrbuch: Hagener Studientexte zur Soziologie).
  • Loc Ho (1999): Vietnamesischer Buddhismus in Deutschland: Darstellung der Geschichte und Insti­tutionalisierung. Hannover: Vietnamesisch-Buddhistisches Sozio-Kulturzentrum.
  • Von Lersner, Ursula (2008): Flüchtlinge in Deutschland. Eine psychologische Analyse der freiwilligen Rückkehr. Dissertation: Als pdf im Internet unter: https://kops.ub.uni-konstanz.de/xmlui/bitstream/handle/urn:nbn:de:bsz:352-opus-65650/Diss_Lersner.pdf?sequence=1
  • Williams, Raymond Bray (1988): Religions of Immigrants from India and Pakistan: New Threads in the American Tapestry. Cambridge.
  • Spiegel 22/2014-a, Autor: Jan Fleischhauer: Entsetzen und Ehrfurcht. Vor 70 Jahren landeten die Al­liierten in der Normandie. Der Schlag gegen Hitlers Reich prägte die amerikanische Militärlogik für Jahrzehnte. S. 37-44.
  • Spiegel 22/2014-b: Bewachtes Sterben. Flüchtlinge werden nur begrenzt medizinisch versorgt. Kos­tet das Gesetz Menschenleben? S. 48-48.
  • Weiss, Karin; Dennis, Mike (Hrsg.) 2005: Erfolg in der Nische?: Die Vietnamesen in der DDR und in Ost­deutschland. Berlin etc.: 2005

6.    Quellen im Internet

Archiv von Dokumenten, Fotos, Artikeln, Filmaufnahmen etc. über die Flucht der boat people: http://www.vnbp.org/english/index2.htm

www.unser-vietnam ist ein Projekt in deutscher Sprache, das die Geschichten von circa 40 Bootsflüchtlin­gen dokumentiert.

7.    Kulturvergleich Deutschland-Vietnam nach Hofstede

Der Kulturwissenschaftler Geert Hofstede hat basierend auf der Befragung von 116.000 Managern und Mitarbeitern von IBM ein weithin bekanntes Modell entwickelt das es ermöglicht, Kulturen anhand von 6 zentralen Kriterien zu bewerten und miteinander zu vergleichen. Auf seiner Internetseite gibt es ein Tool, bei dem man zwei Länder auswählen kann, die man vergleichen möchte. Auf Basis seiner Daten bekommt man dann eine Grafik sowie eine erläuternde Erklärung angezeigt. Beides habe ich von dort entnommen, aber gekürzt (Übersetzung vom Englischen ins Deutsche von mir):

Quelle: http://geert-hofstede.com/vietnam.html

Machtdistanz
Diese Dimension misst das Ausmaß der Ungleichheit in einer Gesellschaft. Es drückt aus, welche Einstel­lungen eine Kultur zu dieser Ungleichheit in Institutionen, Organisationen und in der Gesellschaft hat und inwieweit sie sie als gegeben betrachtet
Deutschland hat eine geringe Machtdistanz (Wert 35).
Vietnam hat einen sehr hohen Wert in dieser Dimension was bedeutet, dass die Menschen hierarchische Ordnungen als gegeben akzeptieren in denen jeder seinen Platz hat und diese Tatsache keiner weiteren Rechtfertigung bedarf.

Individualismus versus Kollektivismus
Diese fundamentale Dimension misst das Ausmaß der Interdependenz und Beziehungsorientierung in einer Gesellschaft. Inwieweit empfinden sich die Mitglieder als Individuum oder Teil einer Gemeinschaft? In kollektivistischen Gesellschaften sehen sich Menschen eher als Teil der Familie oder von Gruppen die füreinander sorgen als Tausch gegen Loyalität.
Die deutsche Gesellschaft ist relativ individualistisch (67). Kleine Familienverbände sind üblich. Es gibt einen starken Glauben an das Ideal der Selbstverwirklichung. Loyalität basiert auf persönlichen Präferen­zen, ebenso das Gefühl für Verantwortlichkeit und Pflichterfüllung. Die Kommunikation ist ehrlich bis zur Schmerzgrenze, um aus Fehlern lernen zu können.

Mit einem Wert von 20 ist Vietnam eine kollektivistische Gesellschaft. Dies wird deutlich in einer lang­fristigen Bindung an die Gruppe, sei es die Familie, die erweiterte Familie oder weitere Beziehungsge­flechte. Loyalität in einer kollektivistischen Kultur ist zentral und steht gewöhnlich über allen anderen so­zialen Regeln und Gesetzen. Eine solche Gesellschaft fördert enge Beziehungen in der jeder Verantwor­tung für die anderen Mitglieder der Gruppe übernimmt. In kollektivistischen Kulturen bedeutet Kritik oder öffentliches in Frage stellen Schande und „Gesichtsverlust

Maskulinität
Ein hoher Wert in dieser Dimension ist ein Zeichen dafür, dass eine Gesellschaft von Werten wie Wettbe­werb, Leistung und Erfolg angetrieben wird, wobei Erfolg als „Gewinnen“ definiert wird. Das entspre­chende Wertesystem beginnt schon in der Schule und zieht sich durch sämtliche Organisationsformen. Ein niedriger Wert bedeutet eine „feminine“ Ausrichtung der Gesellschaft. Die zentralen Werte bestehen darin, sich um andere zu sorgen und Lebensqualität zu erzielen. In einer femininen Gesellschaft halten Menschen es nicht für erstrebenswert, sich von der Mehrheit abzuheben.

Mit einem Wert von 66 ist Deutschland eine maskuline Gesellschaft. Leistung wird hoch bewertet, Schüler werden relativ früh in verschiedene Schulsysteme selektiert. Status wird offen gezeigt, vor allem durch Autos, Uhren und technische Spielzeuge.

Vietnam dagegen kann mit einem Wert von 40 als “feminine” Kultur bezeichnet werden. In femininen Kulturen dient die Arbeit vor allem dazu, zu leben. Die Menschen schätzen Gleichheit, Solidarität. Kon­flikte werden durch Kompromisse und Verhandeln gelöst. Der Fokus liegt auf dem Wohlergehen, Status wird nicht so offen gezeigt

Unsicherheitsvermeidung
Die Dimension Unsicherheitsvermeidung beschreibt die Art und Weise wie eine Gesellschaft damit um­geht, dass die Zukunft Unsicherheiten und Risiken mit sich bringt. Sollten wir versuchen, die Zukunft zu kontrollieren oder sollten wir die Dinge einfach geschehen lassen? Unsicherheit verursacht Ängste und Kulturen unterscheiden sich darin, wie sie damit umgehen. Das Ausmaß, in dem sich die Mitglieder von Unsicherheit oder unbekannte Situationen bedroht fühlen, wird hierbei gemessen.

Deutschland gehört zu den Ländern, die Unsicherheit eher vermeiden. Gemäß der philosophischen Tradi­tion von Kant, Hegel und Fichte gibt es eine starke Präferenz für rational-deduktive Ansätze, sowohl im Denken, Planen oder Darstellen von Sachverhalten. Zunächst muss ein Überblick gegeben werden, bevor Einzelheiten geschildert werden. Da die Machtdistanz gering ist, genügt es in Deutschland nicht, auf die Hierarchie zu verweisen um Recht zu bekommen, sondern Argumente müssen auf Fachwissen beruhen.

Vietnam hat mit einem Wert von 30 eine geringe Präferenz für die Vermeidung von Unsicherheit. Ein ge­ringer Wert in dieser Dimension bedeutet, dass diese Gesellschaften gelassenere Einstellungen zum Leben haben, statt starren Prinzipien anzuhängen. Abweichungen von Normen und Regeln werden leichter ak­zeptiert. Zeitpläne sind flexibel.

Pragmatismus

Diese Dimension beschreibt, wie stark Menschen eine Erklärung benötigen für das was geschieht. In Ge­sellschaften mit normativer Ausrichtung brauchen die Menschen so viele Erklärungen wie möglich für alles. In Gesellschaften mit pragmatischer Ausrichtung glauben die Menschen, sowieso nicht alles erklären zu können, da die Welt ohnehin zu komplex ist, um sie ganz zu verstehen. Die Herausforderung besteht darin, nicht alles zu wissen und doch ein tugendhaftes Leben zu leben.

Deutschlands hoher Wert bei diesem Maß deutet darauf hin, dass es ein sehr pragmatisches Land ist. Die Menschen glauben daran, dass die Wahrheit in hohem Maße von der Situation, dem Kontext und der Zeit abhängt. Sie haben die Fähigkeit, Traditionen schnell an veränderte Bedingungen anzupassen, eine starke Neigung zu sparen und zu investieren und große Beharrlichkeit beim Erzielen von Ergebnissen. Mit 57 Punkten ist Vietnam ebenfalls eine pragmatische Kultur.

Hedonismus

Eine Herausforderung für die Menschheit heute und in der Vergangenheit ist die Frage, in welchem Aus­maß Kinder sozialisiert werden sollten. Ohne Sozialisierung werden wir nicht „menschlich/zivilisiert“. Das Maß misst, inwieweit Menschen bereit sind, ihre Wünsche und Begierden zu kontrollieren und aufzuschie­ben. Ist die Kontrolle schwach ausgeprägt, handelt es sich um eine hedonistische Kultur; starke Kontrolle bedeutet, dass es sich um eine Kultur mit einem hohen Ausmaß an Beherrschung handelt.

Der niedrige Wert von 40 zeigt an, dass die deutsche Kultur eher beherrscht ist. Gesellschaften mit einem niedrigen Wert in dieser Dimension tendieren zu Zynismus und Pessimismus. Menschen in beherrschten Kulturen legen nicht so viel Wert auf Freizeit und kontrollieren die Bedürfnisbefriedigung. Sie richten sich nach sozialer Norm und haben das Gefühl, dass es schlecht ist, es sich gut gehen zu lassen. Die Vietname­sische Kultur ist mit 35 Punkten ebenfalls eine beherrschte Kultur, sogar noch mehr als die Deutsche.

8.    Interviews

Im Folgenden eine Abschrift der geführten Interviews. Ich habe sie der Lesbarkeit halber leicht gekürzt und sprachlich ein wenig überarbeitet.

 

Schüler 1

Wie sieht es mit den Noten bei Dir aus?

Jaaa … könnte besser sein, sagen wir es mal so. Also ich habe einen Schnitt von 2,7.

Kannst Du vietnamesisch?

Also verstehen kann ich beinahe alles, es gibt nur ein paar schwierige Begriffe. Reden geht auch, es fällt mir nur manchmal schwer, wegen dem Vokabular, dann muss ich manchmal überlegen. Eigentlich kann ich ganz gut reden, nur Schreiben und Lesen fallen mir schwer, wegen der ganzen Akzente.

Wo hast Du gelernt, vietnamesisch zu sprechen?

Ich habe das zu Hause gelernt, da spricht man vietnamesisch, deshalb habe ich auch Probleme mit dem Lesen und Schreiben, da ich es nicht in der Schule gelernt habe. Aber vietnamesisch habe ich zuerst ge­lernt, es ist also meine Muttersprache. Deutsch kam dann im Kindergarten dazu.

Wo genau kommen Deine Eltern her?

Meine Mutter kommt aus Ding Bing, einer Stadt im Norden, etwa 100 km von Hanoi. Mein Vater stammt aus einem anderen Bezirk, also ebenfalls aus Nordvietnam.

Wie kamen Deine Eltern nach Deutschland?

1986 kam meine Mutter mit 18 nach Tschechien. Sie hat dort als Näherin gearbeitet. Von dort kam sie später nach Deutschland. Heute arbeitet sie bei einer kleinen Speditionsfirma.

Glaubst Du es war schwer für Deine Eltern, hier Fuß zu fassen?

Ja, schon. Vor allem wegen der Sprache, meine Mutter spricht nicht so perfekt Deutsch. Und auch die Lebensgewohnheiten sind anders in Vietnam.

Was weißt Du über die Politik und Kultur in Vietnam?

Dass es kommunistisch ist … also eigentlich ziemlich wenig, ich war auch erst zweimal dort, aber da habe ich nicht so viel mitbekommen, aber der Buddhismus ist dort sehr verbreitet. Bei meinen Besuchen ging es hauptsächlich darum, Verwandte zu treffen, deshalb weiß ich nicht so viel.

Habt ihr Verbindung zu vietnamesischen Vereinen hier?

Nein, eigentlich gar nicht.

Deutsch/vietnamesisch – gibt es da für Dich Unterschiede oder Gemeinsamkeiten?

Ich glaube ich nehme die Unterschiede nicht so stark wahr, da ich ja schon in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Ich würde sagen, dass ich schon fast 90 Prozent deutsch bin.

Dann spielt Deine Herkunft für Dich im Alltag also keine große Rolle…?

Nein, eigentlich nicht, außer, dass wir die ganze Zeit vietnamesisch essen (lacht) und reden. Es ist nicht viel, was einem da noch übrig bleibt.

Wünschen sich Deine Eltern, dass Du vietnamesische Traditionen weiter führst?

Ich glaube schon, also es gibt ja nicht viel, was wir davon behalten haben und ich bin ja auch schon katho­lisch getauft. Also von der Religion eher nicht so, das ist meiner Mutter nicht so wichtig.

Feiert Ihr denn das Tet-Fest? (Vietnamesisches Neujahrsfest?

Ah doch, das schon, und ein kleines Fest am Todestag der Verstorbenen.

Würdest Du das denn weiter führen?

Also dieses Tet ist ja schon was Besonderes für mich, da kommt dann die Familie zusammen. Es ist fast ein bisschen wie Weihnachten. Also das würde ich schon gerne behalten. Nur die anderen Sachen…ich kenne mich mit den Ritualen und Bräuchen nicht so aus, das geht dadurch auch etwas verloren.

Musst Du Dir wegen Deiner Herkunft manchmal Sprüche anhören?

(lacht) Wie Du diese Frage schon stellst, sagt schon fast alles aus. Ja, aber nichts Tiefgreifendes, Verlet­zendes. Also ich nehme es auch nicht so ernst.

Hast Du schon Pläne für Deine Zukunft?

Ich denke, das was ich will ist das, was die meisten anderen auch wollen: Familie, Haus und einen stabilen Job. Aber die nächste Etappe wäre erst mal ein Studium.

Welcher Studiengang würde Dich da interessieren?

Also Ingenieurswissenschaften, vielleicht Elektrotechnik. Ich denke, das ist eine aufsteigende Branche.

Deine Mutter unterstützt Dich bei diesem Ziel?

Ja, total. Aber es würde ihr auch nichts ausmachen, wenn ich zum Beispiel nur eine Ausbildung machen würde.

Schüler 2

Kannst Du vietnamesisch?

Mit den Eltern rede ich deutsch/vietnamesisch gemischt, verstehen kann ich alles, aber schreiben und lesen nur schlecht.

Weißt Du wo Deine Eltern genau herkommen?

Äh (lacht), genau weiß ich das jetzt nicht vom Ort her, aber so im Norden. Gekommen sind sie etwa vor zwanzig Jahren, weil hier bessere Lebensbedingungen sind.

Glaubst Du, dass es schwer war für sie in der ersten Zeit in Deutschland

Lacht etwas bitter: Schon, natürlich. Denn sie sind ja mit nichts hierhergekommen. Und dann die Sprache.

Was weisst Du über die Politik und Kultur in Vietnam?

Hm, also Politik jetzt nicht so viel, ja und Kultur, wir feiern ja auch immer Neujahrsfest hier und so, und da weiß man so ein bisschen was.

Warst Du schon einmal in Vietnam?

Ja, bisher war ich jetzt dreimal da, letztes Jahr war ich auch dort, wir sind da immer, um Oma und Opa zu besuchen.

Habt ihr Kontakte zu vietnamesischen Vereinen?

Ja, es gibt in Speyer eine vietnamesische Schule, da trifft man sich halt so und kann ein bisschen quat­schen.

Bist Du da oft gewesen?

Früher ja, heute nicht mehr so oft.

Welche Rolle spielt denn Deine Herkunft für Dich?

Also eigentlich so gut wie keine, ich bin schon deutsch (lacht)

Wollen Deine Eltern denn, dass Du bestimmte Traditionen fortführst?

Doch, das möchten sie schon, dass das fortgeführt wird, und raten mir auch immer wieder mal, ich solle doch am besten eine vietnamesische Frau heiraten (lacht). Und mit dem Essen und so.

Wie feiert Ihr Tet?

Ja, das ist eine große Versammlung, wird ziemlich groß gefeiert.

Bekommst Du auch manchmal Besuch aus Vietnam?

Nein, eigentlich nicht.

Warum nicht?

Naja, erstens sind sie das Klima nicht gewöhnt und auch mit den Fahrzeugen, Flugzeugen, die haben Flug­angst. Die sind ja in einer Zeit groß geworden, wo es keine Autos gab.

Was habt Ihr für eine Konfession?

Bei meinen Eltern (weiß ich nicht so genau; S: war schwer zu verstehen) und ich Christ. Weihnachten wird auch gefeiert bei uns, das gehört ja irgendwie dazu.

Musst Du Dir manchmal Sprüche anhören wegen Deiner Herkunft?

(Lacht) Das lässt sich ja irgendwie nicht vermeiden sowas, aber ich nehme das gelassen. Bei manchen erkennt man, dass sie sowas nur aus Spaß sagen.

Aber hast Du auch erlebt, dass es mal bös gemeint war?

Ja, natürlich. Aber ich denk dann halt, ja ok. Wenn die meinen, dass sie sowas sagen müssen (lacht).

Was hast Du für Zukunftspläne?

Ich möchte eine Ausbildung machen.

Was genau?

Wahrscheinlich Informatik, so genau weiß ich es noch nicht.

Deine Eltern unterstützen Dich dabei?

Ja, die sind dafür und unterstützen mich bei allem, kein Problem. Ich weiß aber von anderen vietnamesi­schen Schülern, deren Eltern machen schon ordentlich Druck.

Schüler 3

Kannst Du vietnamesisch?

Nicht so gut wie deutsch, auf Deutsch kann ich eher Bücher lesen. Auf Vietnamesisch kann ich nicht so gut lesen und schreiben.

Redest Du zu Hause Vietnamesisch?

Zu Hause rede ich vietnamesisch, mit meiner Schwester aber Deutsch, weil ich das besser kann.

Aus welcher Gegend stammt Deine Familie?

Aus Haiphong, das ist so eine Hafenstadt, meine Mutter kommt aus Hanoi, der Hauptstadt.

Weißt Du wann sie hierhergekommen sind?

In den 90ern ungefähr, ich weiß nicht das genaue Jahr. Genau weiß ich es nicht, aber sie wollten halt nach Deutschland, um bessere Arbeitsbedingungen zu haben.

Glaubst Du, dass sie es schwer hatten, hier Fuß zu fassen?

Ja, glaube ich schon. Wegen der Sprache, vietnamesisch ist von der Grammatik her ja ganz anders. Und auch von der Lebenskultur.

Was weißt Du über die Kultur und Politik in Vietnam?

Also Kultur einiges, Politik nicht so, ich interessiere mich aber auch nicht so dafür.

Warst Du schon mal in Vietnam?

Nein

Habt Ihr noch Verwandte dort?

Ja, schon.

Habt Ihr Kontakt zu vietnamesischen Vereinen?

Nein, das nicht, aber wir kennen hier eine Menge Vietnamesen, mit denen wir auch Kontakt haben. Aber einen Verein, nein.

Spielt Deine Herkunft (Deiner Eltern) noch eine Rolle für Dich?

Ja, eben weil ich vietnamesisch mit ihnen spreche, und auch die Erziehung ist anders als in Deutschland glaube ich.

Wie anders?

Ein bisschen strenger vielleicht.

Feiert Ihr denn auch das Tet-Fest?

Ja, das Tet-Fest feiern wir.

Gibt es sonst noch irgendwelche Feste die Ihr feiert?

Ja, für die Ahnen. Aber das Tet-Fest ist eigentlich das Einzige, was bei Vietnamesen groß gefeiert wird.

Habt Ihr denn auch einen kleinen Altar zu Hause?

Ja

Musst Du Dir manchmal Sprüche anhören wegen Deinem vietnamesischen Aussehen?

„Ja, ein Mitschüler macht schon mal einen Spruch, aber ich glaub jetzt mal nicht, dass das unbedingt bös gemeint ist.“

Hast Du schon Pläne für Deine Zukunft?

Auf jeden Fall studieren, vielleicht duales Studium oder so, aber genau weiß ich es noch nicht.

[1] Siehe Beuchling 2003, S. 20. Genaue Zahlen sind schwer zu erhalten, da jene Vietnamesen, die die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, nicht mitgezählt werden, ebenso illegale Einwanderer. Die Zahlen in verschiedenen Veröffentlichungen weichen teilweise stark voneinander ab.

[2] http://www.merkur-online.de/aktuelles/politik/joerg-uwe-hahn-fdp-bekommt-nach-rassismus-hetze-gegen-philipp-roesler-rueckendeckung-zr-2740567.html

[3] Wie weiter unten noch gezeigt werden wird, ist dabei in Westdeutschland im Gegensatz zu Ostdeutschland, wo eine sehr negative Stimmung gegenüber Vietnamesen herrscht, grundsätzlich ein weitaus geringeres Potenzial an Diskriminierungen zu erwarten, „nur“ in einem Fall kam es 1980 zu einem fremdenfeindlichen Anschlag, bei dem in Hamburg 2 Vietnamesen getötet wurden. Die Äußerungen in Bezug auf Rösler waren dennoch erschreckend.

[4] http://www.zeit.de/gesellschaft/2014-05/joachim-gauck-einwanderung-einbuergerung

[5] http://www.zeit.de/2011/10/P-Erdogan

[6] Nach der sogenannten „Domino-Theorie“, wie sie von Eisenhower und nachfolgend alle anderen amerikanischen Präsidenten propagiert wurde, hätte bereits das Kippen eines einzelnen Landes Richtung Kommunismus/Ostblock schwerwiegende strategische Folgen haben können und sei daher unbedingt zu verhindert. Dies war auch Anlass für den Koreakrieg.

[7] Die strategischen Fehler des Vietnamkriegs wurden sowohl vom Militär als auch der Politik der USA weitgehend bestritten, sich gegenseitig zugeschoben.

[8] „Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge“

[9] Erst Ende der Achtziger ebbte der Flüchtlingsstrom ab, da sich die wirtschaftliche Lage in Vietnam besserte, aber auch, weil immer weniger Boatpeople in Drittländern Aufnahme finden. 1989 leben in Hong Kong noch immer 50.000 Boatpeople. In Vorbereitung auf die Übergabe an die Volksrepublik China werden Tausende zwangsabgeschoben. Trotzdem dauerte es noch elf Jahre, bis der letzte Bootsflüchtling die Hong Konger Lager verließ.

[10] Wikipedia dazu: „Die Anschläge zwischen dem 22. und 26. August 1992 gegen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter im sogenannten „Sonnenblumenhaus“ in Rostock-Lichtenhagen waren die massivsten rassistisch motivierten Angriffe der deutschen Nachkriegsgeschichte.

An den Ausschreitungen beteiligten sich mehrere hundert teilweise rechtsextreme Randalierer und bis zu 3.000 applaudierende Zuschauer, die den Einsatz von Polizei und Feuerwehr behinderten. Nachdem die Aufnahmestelle am Montag, dem 24. August, evakuiert worden war, wurde das angrenzende Wohnheim, in dem sich noch über 100 Vietnamesen und ein Fernsehteam des ZDF aufhielten, mit Molotowcocktails in Brand gesteckt. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zog sich die Polizei zeitweise völlig zurück und die im brennenden Haus Eingeschlossenen waren schutzlos sich selbst überlassen.

Die Übergriffe in Lichtenhagen werden häufig als Pogrom bezeichnet.“

[11] sic! Es ist sehr schwer, mit solchen Formeln die realen, vielfältigen Hintergründe zu beschreiben, weswegen sie manchmal fast schon zwangsläufig wie Satire klingen müssen, aber doch dem Wunsch nach präziser Ausdrucksweise geschuldet sind.

[12] Die Probleme wie Drogensucht, Depressionen, sozial auffälliges Verhalten treffen am ehesten auf die ehemaligen Vertragsarbeiter und deren Nachkommen sowie neue Einwanderer zu. Aber auch die boat people sind betroffen, wie die Leiterin der Reistrommel feststellt: „Wir haben festgestellt, dass seit diesem Jahr auch boat people mit ihren Problemen zu uns kommen. Wir sind eigentlich ziemlich überrascht, weil wir in der öffentlichen Wahrnehmung mitgekriegt haben, dass die boat people immer so dargestellt wurden, dass sie keine Probleme haben. Das stimmt überhaupt nicht. Da ist sehr viel Unwissenheit, sehr viel Verdrängung.“

[13] Ich wollte hier nicht weiter nachfragen und auch nicht spekulieren, aber möglicherweise war in beiden Fällen der Auslöser, dass auch die anderen in der Klasse zur Kommunion/Konfirmation gingen und man sich dem anpassen wollte.

[14] Der Buddhismus ist eigentlich gar keine Religion sondern eine Philosophie, hat aber teilweise ähnliche Funktionen, siehe Baumann (2000).

[15] Dies ist nicht nur der Anpassung an hiesige Verhältnisse zu „verdanken“, sondern ist auch nicht ganz so paradox und entgegen der asiatischen Kultur wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Gerade in Vietnam waren Frauen häufig für die Finanzen der Familie zuständig und betrieben auch Handel. Was viele nicht wissen ist, dass jedes dritte große Unternehmen in Vietnam von einer Frau geführt wird. Generell allerdings ist die Rolle der vietnamesischen Frau dennoch eher traditionell – mitunter ein großer Konfliktherd zwischen Töchtern und ihren Eltern.

[16] http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Mutter_des_Erfolgs

[17] In den Großstädten können manche junge Vietnamesen auch gleichgeschlechtliche Liebe etwas offener leben, die bei Vietnamesen immer noch als verpönt gilt.

[18] http://www.wirinwallenhorst.de/pages/posts/tag-des-anstosses-vor-30-jahren-kamen-69-vietnamesische-fluechtlinge-nach-hollage-2689.php

[19] http://www.sueddeutsche.de/politik/2.220/vietnamesen-in-deutschland-nur-bildung-fuehrt-weg-vom-reisfeld-1.20543

[20] In der Forschung von Beuchling (2003, S. 154) wird etwa berichtet, dass die vietnamesischen Kinder häufig durch albernes Lachen auffielen, wodurch sich die Lehrer „verschaukelt“ fühlten. Dabei ist Lachen bzw. Kichern in asiatischen Kulturen Ausdruck von Verlegenheit. Oder dass die Kinder auffällig still, ja geradezu stumm waren und nur rezeptiv, also passiv lernten. Ein Problem waren auch sprachliche Missverständnisse oder dass es Kindern, insbesondere Mädchen, nicht immer erlaubt wurde, an Klassenfahrten oder Ausflügen teilzunehmen.

[21] Das Durchhaltevermögen, die Selbstdisziplin und die Zähigkeit, mit der Ziele verfolgt und erreicht werden – gemeinsam mit der Familie – steckt noch immer in vielen Menschen vietnamesischer Herkunft – oftmals ohne, dass sie sich dieses kulturellen/geschichtlichen Erbes bewusst sind:

„Ein Vietnamese resigniert nie. Er wird immer versuchen, weiterzumachen, er wird sich nie fallen lassen. Unsere Geschichte zeigt uns, dass wir für unsere Unabhängigkeit immer kämpfen mussten, tausend Jahre lang – erst gegen die Chinesen, dann kamen die mongolischen Völker, die uns unter ihre Herrschaft zwingen wollten, dann die Franzosen, die Amerikaner – die Vietnamesen haben so lange gekämpft, bis sie unabhängig geworden sind. Aber zu welchem Preis? Wir haben nie aufgegeben, und das hat uns geprägt.“ (Thuy Nonnemann, zit nach Beth/Tuckermann S. 55).

[22] Es scheint in Mainz einen Verein vietnamesischer Flüchtlinge zu geben, aber diesen konnte ich nicht erreichen und außerdem scheint Mainz zu weit entfernt, um im Alltag von Schülern in Germersheim eine Rolle spielen zu können. Die vietnamesische Schule in Speyer bietet ungefähr alle 3 Wochen Treffen an für vietnamesische KinderJugendliche, etwa Sprachkurs. Ich habe außerdem zwei vietnamesische Inhaber von Asia-Imbissen gefragt (in Rheinzabern, Speyer und Germersheim), die mir sagten, dass sich die Vietnamesen der Gegend untereinander sehr wohl kennen und sich öfter treffen.

[23] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/regierung-verschaerft-asylbedingungen-fuer-balkanstaaten-12917658.html

[24] Eines der wenigen Leuchtturmprojekte ist auch die von der Robert Bosch-Stiftung gegründete „Schlau-Schule“ nur für Flüchtlinge, die soeben den deutschen Schulpreis erhalten hat: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/587116/Lernort-und-Nothilfe

[25] http://eiab.eu/uber/thich-nhat-hanh/

Hiermit versichere ich, dass ich die Arbeit eigenständig und unter der ausschließlichen Verwendung der angegebenen Quellen angefertigt habe.

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Simon Hegele

Kuhardt, den 16.06.2014

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